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Macht außer Kontrolle

27. Januar 2012

Ich wollte hier über die Überdrehtheit des vergangenen Konzertabends schreiben. Plötzlich spüre ich aber ein Wasserfall von Gefühlen und bin in Tränen. Ich schreibe also erstmal darüber. Da ist das Brennen wieder, das ich gestern während ich die Rückmeldungen der vergangenen Tagen las, erlebte. Es wärmt den ganzen Bauch von Innen, dieses Gefühl von tiefster Dankbarkeit und Liebe. Ich komme mir vor, als ob ich über einen ganz besonderen Schatz gestolpert wäre. In diesem Moment weiß ich, daß es nur eine Sache in dieser Welt gibt, die glücklich macht: die Wahrheit. Es ist egal, ob diese Wahrheit häßlich oder schön ist. Hauptsache gibt es sie, und ich darf in Kontakt mit ihr kommen.

(Gerade habe ich eine Pause gemacht. Ich mußte jemand anrufen, diese Gefühle ausdrücken und mich bedanken).

So. Nun sitze ich hier vor dem Computer und konfrontiere mich mit dem Ablauf des Konzertabends. Es gab mehrere Momenten, bei denen ich nicht ehrlich war, mich selbst komisch vorkam, pufferte und von einem zum anderen hüpfte. Es waren mehrere Sachen. Einige, die mir jetzt einfallen: Ich konnte GL keine halbe Sekunde lang in die Augen schauen, redete mit allen möglichen Menschen auf der Straße und auch auf dem Konzert (diese schaute ich zwar in die Augen, eine echte Begegnung war aber unmöglich), konnte gar nicht still sitzen, hörte meine eigene Stimme und Lachen, verwickelte mich in Gesprächen, die ich gar nicht führen wollte, etc. Die ganze Zeit war eine unterschwellige Überdrehtheit vorhanden. Es lief automatisch ab, wie die kaputte Funktion einer unkontrollierten Maschine. Da war Unruhe, Selbstvergessenheit, Hektik, Lärm. Und Druck. Sehr viel Druck.

Wenn ich die Augen schließe und in die Situation nochmal hineingehe, dann sehe ich nur hektische Bewegungen und Lärm. Da ist auch ein stumpfes Herz. Und eine innere Haltung fehlt. Da ist niemand.

Hier manche Punkte, die ich mit der Besinnung wahrnehmen kann:

- Ich fühle mich verloren und überfordert, wenn jemand auf mich angewiesen ist. Das ist keine neue Sache. Es ist noch schwieriger, wenn diese Person mir wichtig ist. (Freunde hätten mir schon vorgeworfen, ich würde sie in einer Situation in der sie keine anderen Menschen kennen, im Stich lassen und flüchten. Das ist leider wahr. Doch erlebte ich es schon lange nicht mehr so extrem wie dieses Mal);

- Ich habe diese Menschen eine Zeit lange nicht getroffen (ich sitze großteils meiner Zeit an der Dissertation und habe momentan kaum Kontakt mit anderen Menschen). Die kommen auf mich zu, ich gehe auf sie zu, und es gibt eine Panne: es wird alles hektisch und euphorisch, wie bei einer unwillkürlichen Explosion. Es wird geredet, gelacht, berührt, es gibt aber keine Begegnung. Ich bin nicht da. Selbstvergessenheit schwingt in allen Körperzellen meines Körpers: meine eigene Unbewußtheit und die jeder diesen Menschen, die sich annähern. Die ganze Energie, die viel zu viel ist, wird verschwendet. (Nach so einer Erfahrung, bin ich meistens extrem geschafft. Es gibt aber nichts, was geschafft wurde, sondern, “es” hat mit mir geschafft, was es will, weil ich gar nicht präsent war und mich bloß als Kanal für Unbewußtheit zur Verfügung stellte);

- Ich komme mir vor wie ein Vulkan außer Kontrolle, der glüht und Feuer spuckt. Ich möchte, daß jemand mich in die Augen anschaut und stoppt. (Als ich GL damit konfrontierte, warum er mir im Moment der Geschehnisse nicht spiegelte, was er wahrnahm, kam deutlich heraus, daß ich heimlich darauf wartete, daß jemand mich stoppte und sagte: “jetzt ist aber Ruhe!”. Das können aber erstens nur sehr wenige Menschen. Und zweitens: Es ist nicht richtig, das von anderen zu erwarten. Ich muß doch lernen, meine eigene Energie für mich zu behalten, anstatt sie auf dieser Art zu verschwenden. Ich merke auch, daß diese “Macht außer Kontrolle” andere Menschen und mich selbst schädigen kann).

Ich möchte es morgen im Laden weiter beobachten, wenn es mir gelingt. In einem kleineren Rahmen passiert es zwar nicht mit solcher Heftigkeit, es gibt aber in einem viel kleineren Maßstab ähnliche Abläufe, die ich aufmerksamer beobachten möchte.

- – -

Nachtrag: Am Telefongespräch hatte ich am meisten Schwierigkeiten mit dem Wort “Macht”. Ich lehnte ab, daß ich in irgendeiner Weise etwas mit Macht zu tun haben könnte. Ich nehme das Ganze eher als Ohnmacht wahr. Doch Macht ist aber nichts böses, so wie ich vermutete. Im Wikipedia steht: “Im Althochdeutschen, Altslawischen und Gotischen bedeutete das Wort Macht (got.: magan) soviel wie Können, Fähigkeit, Vermögen (z.B. jemand „vermag“ etwas zu tun), signalisiert also Potenzialität.” (Die Diskussionsseite von dem Artikel ist enorm).

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