Unbeteiligtheit
Diese Nacht war nicht leicht. Immer wieder überkam mich einen Schmerz im Brustbereich. Die Gedanken schwammen hin und her, die Träume waren verworren und brüchig. Was ich am ehesten wahrnahm, war dieser Schmerz. Während ich hier sitze und schreibe, ist wieder ein Reiben im Herzen zu spüren. Damit ist auch Scham verbunden.
Mir ist wegen der letzten Eintrag peinlich. Der ganze Text ist eine Offenbarung meiner Grundeinstellung: ich nehme mich selbst aus den Erlebnissen raus und versetze mich in eine Position des Beobachters. Es berührt mich zwar zutiefst, wenn Menschen sich öffnen und ausdrücken können, doch ich selbst traue mich nicht und schaue alles aus der ferne, distanziert, mit kaum einer Beteiligung. Das klingt vielleicht absurd, aber tatsächlich betrachte ich Menschen als Studienobjekte. Ich nehme sie bis ins Detail wahr und weiß von Sachen, die sie über sich selbst sich nicht mal vorstellen können. Doch was ich selbst fühle und wie ich selbst bin, bleibt mir fremd. Selbst wenn eine zarte Brise aus mir strömt, und die übliche Spaltung aufgelöst wird, dauert es nicht lange und es verschwindet wieder — und schon bin ich nicht mehr teil, sondern getrennt. Das erlebe ich vor allem durch eine unterschwellige Neutralität, die alles durchdringt, was ich mache.
Ich bin nicht ganz. Ich ticke mit etwa 70% meines Wesens. Bezüglich Gefühlen ist nicht mal die Hälfte da. Die Erfahrungen scheinen mir alle plötzlich austauschbar und ich erlebe mich ständig als Adressat. Ich bin kein Zug, der irgendwohin fährt, um das Ziel zu erreichen, sondern eher eine U-Bahn Endstation.
Mir kam gerade mehrmals etwas in den Sinn: Ich war nur selten in der Lage, etwas aus ganz eigenem und persönlichem Antrieb zu fühlen. Ich schätze das ist so, weil ich vor diesen Gefühlen umheimlich viel Angst habe. Es ist dann wie ein Loch, das mich schluckt. Ich weiß ehrlich gesagt nicht, wie andere Menschen das machen. Für mich ist das wie sterben. Ich habe hier eine Vermutung (auch etwas, was gerade immer wieder in den Sinn kommt): ich bin tatsächlich hochsensibel und das, was andere als angenehm (und lebenswert) empfinden, empfinde ich als schmerzhaft und bedrohlich (tödlich). Ich schließe mich dann und möchte jede Erfahrung am liebsten nur analysieren oder oberflächlich an mich heranlassen. Um das zu puffern, fixiere ich das Augenmerk auf andere Lebewesen, die mich dann mehr interessieren, weil das Studieren weniger weh tut als das Erleben selbst.
Da fehlt etwas. Es fehlt Polarität. Es fehlen Präferenzen. Es fehlt Individualität.
Ich habe es schon anders erlebt, aber es war ein einziges Mal. Da ich zutiefst enttäuscht wurde, verschloß ich mich. Seitdem komme ich nicht mehr zu diesem Punkt, wo es aus der Mitte heraus strahlt, ohne jede Distanzierung oder Zweifel. Das gilt nicht nur für mitmenschlichen Interaktionen, sondern auch in Bezug auf die Arbeit und auf die Berufung. Ich kann mich nicht involvieren. Es bleibt alles bloß Studienobjekt. Mein ganzes Leben.
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Als ich anfing, diesen Eintrag zu schreiben, war ich erschüttert. Jetzt ist wieder alles neutral.
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Nachtrag: Jetzt bin ich wieder entsetzt und aufgewühlt. Es ist keine schöne Erfahrung, nirgendwohin hineinzupassen und das Leben als Außenstehender zu (ver)leben.
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