Inventurversuch – Arbeitssituation
Durch GLs Hinweise an F. hinsichtlich seiner momentanen Arbeitssituation und den ernüchternden Text von Eichelburg über die Aussichtslosigkeit der Akademiker, wollte ich eine Inventur aus meiner momentanen beruflichen Lage machen. Ich schrieb und schrieb und doch kam nichts Neues heraus. Es läßt sich alles in zwei oder drei Sätze zusammenfassen: Ich bin genauso in dieser Akademiker-Falle drinnen, die Eichelburg so unverschönt beschreibt.
So wie jedes Kind mit wohlhabender Eltern in B., habe ich wie eine Schafe nach der Schule ein Studium angefangen. Ich hatte keine Ahnung, ob ich Medizin oder Architektur studieren würde (Musik war auch eine Idee, da ich Geige spielte). Ich wollte aber keine 8 Stunden pro Tag musizieren und landete ziemlich zufällig bei Architektur, nachdem ich eine Reise durch Europa gemacht habe und mit der Europäischen Architektur beeindruckt war. Mehr war nicht. Ich war dann 17 und bekam jeden Tag von der Familie und den Zeitungen nachgeplappert, daß man keine Chancen hätte, selbständig zu werden, ohne ein Studium. Der große Witz kam später: etwa ein Jahr vor meinem Abschluß, war die Wirtschaftslage in B. besonders schwierig. Die Absolventen bekamen entweder kaum eine Arbeitsstelle oder waren nicht in der Lage, etwas eigenes anzufangen. Sie arbeiteten fast alle als Praktikanten für jemanden, der sie für miserables Geld ausnutzte (weil sie auch wiederum von ihren Kunden sich ausnutzen ließen, für wahnsinnig niedrigere Preise arbeiteten und mit verrückten engen Terminen kapitulierten).
Mit 22 hätte ich die Möglichkeit gehabt, „fertige Architektin“ zu sein (was auch immer das bedeuten soll! Nach der Universität wissen die Absolventen noch gar nichts über Architektur.) – es war mir aber klar, daß ich vom Leben und vom Beruf noch recht wenig Ahnung hatte. Was machte ich dann? Ich reiste für ein Jahr als Austauschstudentin nach D. Hier lernte ich während der Zeit auch nicht selbständig zu denken und auf meine eigene Beine zu stehen. Ich lernte zwar eine andere Sprache und nahm andere Lebensperspektiven wahr, kam aber zurück nach B. und war genauso entfremdet wie vorher. Ich wußte genauso wenig, was meine innere Berufung war. Ohne persönliche Ziele, machte ich die Diplomarbeit (bei der ich fast verrückt geworden bin, da ich für das erste Mal etwas wirklich allein auf die Beine stellen mußte), bekam den Abschluß und fing an, bei einer Architektin zu arbeiten. Die Arbeit machte mir Spaß; vor allem lernte ich auf der Baustelle. Es gab aber etwas, was vorne und hinten nicht stimmte. Die Arbeit war doch nicht meine eigene Sache und ich fing langsam an, mich ausgenutzt zu fühlen. Ich arbeitete manchmal 11 oder 12 Stunden pro Tag, hatte keine Zeit um Sport zu machen, blieb täglich stundenlang im Stau stehen und war auch ordentlich schlecht bezahlt. Mit dem Geld, das ich da verdiente, gelang es mir kaum, ohne zusätzliche Hilfe meiner Eltern zu leben. Schon eine ziemliche unbefriedigende Situation.
Ich war also, genauso wie Eichelburg in seinem Text erklärt, eine Sklave des Systemes. Ich funktionierte nur nach äußeren Regeln und vertuschte wie schlimm das war, durch die Komplimente, die ich von der Chefin bekam und weitere derartige emotionale Verstrickungen. Ich blieb in dieser Arbeit zwei Jahre lang, bis es mit meiner Bewerbung für eine Promotion in D. klappte. Ich wollte wieder ins Ausland und die Doktorarbeit war zu der Zeit die nächstliegende Möglichkeit (ich wollte auch zu M., deswegen bin ich auch in D. nochmal gelandet). Dahinter war nichts von der 3. Variante von Studierende, wovon Eichelburg in seinem Text spricht. (Leute die wirklich begabt sind und ein echtes Berufsziel haben, für das man ein Studium braucht. Diese sind derzeit die Minderheit.)
Seit also etwa 2,5 Jahre mache ich diese Doktorarbeit aus reiner Zufall bzw. Flucht vor mir selbst – es ist kein Wunder, daß es mir so schwerfällt, inneren Anschluß dazu zu finden. Dieser Anschluß spüre ich zwar ein paar Mal, er schwächt sich aber jedesmal, das ich anstatt direkt auf meine Ideen einzugehen, mit träumerischen Plänen und Ansichten anfange. Damit ist ganz konkret meine Wahnsinnsvorstellung gemeint.
Hier habe ich noch viel zum Untersuchen.
Ein Kommentar von einem Freund von mir, den ich in SP dieses Mal zufällig auf der Straße gesehen habe, traf mich ganz direkt. Er fragte mich, wann ich aufhören würde, mit dem Studiumsspielerei und wirklich anfangen würde, ernsthaft zu arbeiten und mein Geld zu verdienen. Ich war mit dem Kommentar völlig verwirrt. Jetzt, im Nachhinein, wüßte ich immer noch nicht, was ich zu dem Kommentar antworten würde.
Dieser selbstgeschaffene Dreckloch in dem ich gerade sitze, muss ich wirklich mal anfangen, ohne Ausreden und Einwände anzuschauen.