Der Unterschied zwischen Selbstverbesserung und Disziplin ist mir noch nicht klar

2009 September 29
by Daniela

Heute morgen nach dem Aufwachen fühlte ich mich schwach. Es war so, als ob ich eine schleimige unsichtbare Blase um mich herum hätte, die mir alle Kraft saugte. Ich stand nicht gleich auf, sondern suchte nach Rechtfertigungen, um länger im Bett zu bleiben. Ich hatte auch leichte Frauenschmerzen und das war genug, um nicht laufen zu gehen. Im Laufe des Morgens nahm ich oft wahr, wie unruhig und unklar ich war. Ich konnte sehr schlecht mich auf etwas konzentrieren und machte alles nur halb und gleichzeitig (putzen, anrufen, aufräumen). Es war offensichtlich, wie ich mich davor drückte, mich mit meiner Doktorarbeit zu beschäftigten. Irgendwann ließ ich den Verstand im Stich und fing einfach mit dem Text an. Das tat gut, auch wenn es am Anfang richtig schwer war, wieder Anschluß zu finden. Langsam konnte ich entspannen und sogar Spaß bei der Verfassung des Textes finden. Jetzt geht es mir gut, weil ich heute etwas geschafft habe.

Ich hatte den Eindruck, als Bach im Hintergrund lief (die Brandenburgische Konzerte), konzentrierter arbeiten zu können.

- – -

In Bezug auf Selbsterkenntnis stecke ich noch oft in der Zwickmühle drinnen, ob ich die Zustände der Verrücktheit (die bei mir wirklich nicht selten sind) einfach nur beobachten und registrieren soll (ohne daran etwas herumzudoktern), oder ob ich sie gleich am Laufen mit aller Kraft unterbrechen soll. Was ich beobachten kann: Ich möchte diese Zustände gleich mit Gewalt unterbrechen, sobald ich sie wahrnehme (sonst fühle ich mich wie eine Betrügerin mich selbst gegenüber. Die Energie, die hochkommt, trägt eine gewisse Verbissenheit in sich). Das erzeugt aber die falsche Reibung, weil es sich wie ein Kampf anfühlt. Es schmeckt aber anders, wenn ich das Geräusch einfach spielen lasse und von einer Sekunde auf die andere diese Verwirrungsbrei ignoriere, mit einer neuen inneren Einstellung. Diese Veränderung an der inneren Einstellung ist nichts, was von Außen kommt, sondern es kommt von Innen, aus einer inneren Liebe zu Disziplin. Es fühlt sich am Anfang, als ob ich nackt auf Eis sitzen würde, aber dann öffnet sich eine Welt der Geheimnisse vor mir.

Daß der Schlüßel zwischen einer oder der anderen inneren Einstellung in meiner Hand liegt, ist mir noch nicht völlig bewußt. Auch wenn dieser Punkt eine Anfängerfrage ist, bin ich hier unsicher und ratlos.

Es ist z.B nicht immer, daß ich Lust habe, laufen zu gehen. Ich mache es aber, auch wenn es mir oft am Anfang Überwindung kostet. Ich mache es, weil ich die Wirkung der Übung kenne und als wertvoll schätze. Ich vertraue die Übung. Ohne dieses Vertrauen, würde ich immer in meiner eigenen Welt drehen. Disziplin ist also keine nebensächliche Sache bei Selbsterkenntnis. (Mittlerweile habe ich kapiert, daß ich nur soviel bekomme, wie ich bereit zu geben bin. Wenn ich nicht daran innerlich bleibe, erfahre ich gar nichts, außer der Frust von selbstgebastelten Fragmenten und Resten irgendeiner äußerlichen Lehre.) Mir ist aber der Unterschied zwischen Selbstverbesserungswünschen und Disziplin, so komisch das klingen mag, noch nicht klar.

  1. 2009 September 30

    Es ist irrelevant, ob du die innere Verrücktheit versuchst, zu durchbrechen oder sie einfach nur zu beobachten, weil dahinter dieselbe Motivation steht: Damit etwas zu tun, dich dazu in Beziehung zu setzen, etwas damit machen zu können. Die Phasen der Verrücktheit erfüllen jedoch keinen Zweck, sie sind lediglich „Bewegung“. Sie als etwas anderes als blosse Bewegung zu sehen oder gar zu bewerten ist sinnlos, weil dann zu der Bewegung noch mehr Bewegung hinzugefügt wird. Solange dir diese Verrücktheiten und Bewegungen nicht weitgehend egal geworden sind, ist keine Reaktion darauf eine richtige. Erst wenn du einsiehst, dass diese Verrücktheiten nun mal in alle Ewigkeit weiter ablaufen werden, ohne dass du sie jemals stoppen kannst, entsteht von selbst eine innere Freiheit. Momentan aber wertest du die Verrücktheiten ab, als ob sie nicht zu dir und deiner Persönlichkeit gehören sollten. In Wahrheit ist jede Persönlichkeit verrückt, und das muss auch so sein und wird auch immer so bleiben.

Eine Antwort schreiben

Note: You can use basic XHTML in your comments. Your email address will never be published.

Diesen Kommentar-Feed via RSS abonnieren.