2.7.2009 – Partnerschaftsvorstellungen
Heute ging ich nicht in die Uni, da ich andere Themen zu erledigen hatte. Ich war in der Stadt und habe Verschiedenes bei der Post und der Bank erledigt. Eine Freundin aus B., die momentan auf Reise in E. ist, hatte Probleme mit ihrer Gesundheit. Ich tat sie in Verbindung mit einem Arzt aus M., den ich vor kurzem kennengelernt habe, und wollte sie zu ihrem Termin begleiten (sie kennt sich in M. nicht aus). Da aber alle Erledigungen in der Stadt viel länger als vermutet dauerten, schaffte ich nicht, C. zu ihrem Arzttermin zu begleiten.
Am Nachmittag war ich eingeladen. Das Treffen hatte schon mehrmals wegen verschiedenen Gründen nicht geklappt und nun klappte es heute. Am Anfang spürte ich noch eine gewisse Vorsicht in der Luft, die sich ergibt, wenn zwei Menschen sich noch Gedanken machen, was das Gegenüber von einem hält. Langsam verdünste das und mehr Offenheit nahm Platz. Das Zusammenkochen wirkte wie ein Annäherungsritual.
Bei den Gesprächen und Fragen merkte ich, wie unausgesprochene Sehnsüchte und Wünsche mitschwebten und sich miteinander vermischten. Ganz viel, was gesagt wurde, war von Emotionen gefärbt und aus einer subjektiven Perspektive angetastet. In manchen Momenten konnte ich ungeschminkt sehen, wie eine Emotion einen bestimmten Inhalt komplett verdrehen würde, nur um ihn in einem bestimmten Konzept hineinzupressen, das schon bekannt ist. Dieser Vorgang hat mit Kontrolle zu tun; es geht um das Bedürfnis, etwas zu „Be-greifen“ und es ungefährlich für das Ego zu machen. (Das passiert sehr mechanisch. Es ist aber möglich, den Vorgang anzuschauen. Das bloße Anschauen hat die Kraft, den Vorgang zu unterbrechen und das Ego im Stich zu lassen).
Dagegen ergaben sich Momenten, bei denen es keinen Ausweg gab: Entweder formuliere ich hier einen schlauen Satz und weiche aus oder bin ich betroffen. Die Betroffenheit ist direkt und es bleibt nichts mehr übrig, als zu schweigen – weil plötzlich nichts mehr zu sagen gibt. Mit dem Schweigen ergibt sich die Einladung, ins Unbekannte zu gehen. Wenn ich hier weiter ehrlich bin, sehe ich etwas Neues. Wenn nicht, falle ich ins Konzeptualisieren hinein.
Ich rede hier aber noch fürchterlich theoretisch. Dafür ist das Tagebuch nicht da. Hier konzeptualisiere ich auch noch alles. Also, zurück zu meinen Unklarheiten:
Die meisten blinden Flecken, die mir während das Treffen gespiegelt wurden, haben mit meinen Unklarheiten in Bezug auf Partnerschaft zu tun. Das Thema habe ich bislang noch nicht wirklich untersucht, sondern nur gekratzt – deswegen verwickele ich mich immer wieder in Gesprächen darüber und vermische meine Unklarheiten mit den Unklarheiten anderer. Ich reagiere hier allergisch, wenn von Bindung und Loyalität die Rede ist. Aber warum? Es ist weil ich selber etwas für mich noch nicht geklärt habe.
Es stört mich, wenn von Vorstellungen, Erwartungen und Absichten die Rede ist. Es hört sich fast wie ein Verbrechen an, wenn jemand mit mir über die eigene Erwartungen bzgl. „Liebe“ spricht. Aber warum? Warum reagiere ich hier abstoßend? Weil ich selber Vorstellungen in mir habe, die ich heimlich pflege. Obwohl ich innerlich weiß, daß die Liebe niemals in irgendeinem starren Konzept oder Sicherheitsnetz befestigt werden könnte (und, daß die Menschen mit der Ausrede sie wurden lieben, genau sowas machen), sehne ich heimlich nach Sicherheit. Wenn die „Sicherheit“ sich präsentiert oder wenn die Angebot der Sicherheit sich vor meinen Augen zeigt, werde ich enttäuscht und unzufrieden, weil ich weiß, daß dadurch etwas Wesentliches stirbt – wie eine schöne Blume im Feld, die ihre natürliche Spannung, Glanz und Farbe verliert, sobald sie gepflückt wird.
Wenn die Rede von Partnerschaft ist, schwanke ich zwischen Ablehnung und Sehnsucht. Einerseits kann ich nicht verstehen, wieso ich Pläne in der Richtung überhaupt machen würde, da sowas zu planen, mir rein konzeptuell und starr erscheint, vorallem wie es üblicherweise gemacht wird (Heiraten, Zusammenwohnen, Kinder bekommen, etc.). Andererseits sehe ich, wie ich die Idee in eine Schublade hineinschiebe, die ich gern später öffnen möchte, „wenn die Zeit dafür gekommen ist“. Es gibt hier etwas wie Hoffnung. Daß diese Hoffnung eigentlich ein Euphemismus für Angst ist, sehe ich nicht immer klar.
Beide Varianten des Denkens zeigen meine Angst vor der Spontaneität des Lebens und den Versuch, Kontrolle in irgendeiner Form auszuüben. Ja, die Partnervorstellungen sind nichts anderes als Puffer gegen die Überraschungen und Veränderlichkeit des Lebens. Es ist wie eine Impfung gegen die Angst – und leider, auch gegen die Liebe.