Zuhause
Gestern stand ich früh auf, ging laufen, duschte und fuhr in die Uni. Es ist jetzt öfters passiert, daß ich am Sonntag in der Uni bin und in der Dissertation arbeite. Ich weiß es nicht wieso, aber in solchen Tagen entwickelt sich bei mir ein Gefühl von Vertrautheit und Ordnung, zu dem ich nur selten unter der Woche komme. An Wochentagen und auch am Samstag, herrscht meistens Hektik, Verkrampfung und eine Art Zukunftsangst: Beim Denken und Handeln bin ich immer irgendwo in der Zukunft, sei es beim Überlegen, was ich in 10 Minuten zu tun habe oder was ich morgen alles zu schaffen habe. Wenn ich einmal im Tag zur Ruhe komme, merke ich wie robotisch und identifiziert ich getickt habe. Das schmeckt jetzt aber nicht mehr bitter wie früher. Die Packung von Vorwürfen ist nicht mehr vorhanden. Allein das Registrieren der Identifizierung bringt zurück zu dem Punkt, wo nichts mehr verändert werden kann oder muß.
Der Traum von gestern war auch ein Hinweis auf dieses Ankommen. Erstmal möchte ich mich selber ergänzen, korrigieren, befreien, retuschieren und verarbeiten. Plötzlich kommt die klare Einsicht, daß dieses Formatieren-Wollen irgendwo da weit draußen passiert und nichts mit mir zu tun hat. Interessant ist, daß dieses Sehen, anstatt zu spalten, verbindet. Eine Vertrautheit erwärmt das Herz. Die direkte Umgebung wird ohne Vorbehälte oder Ängste wahrgenommen und das Handeln, egal was getan wird, wird fliessend und frei. Es wird alles auf dem Moment gebracht.
Diese Kraft des Momentes verbleibt nicht lange. Sie kommt und geht. Wenn die „physische Zeit“ betrachtet wird, dann ist es so, daß die Mehrzahl der Stunden im Tag von Schwankungen gebaut ist: Ruhe, Verzweifelung, Ablenkungen, Angst, Gier nach Kontrolle, Wohlbefinden, etc. Diese Schwankungen, in den Momenten, wo sie herrschen, haben mich und meine Widmung: Ich reite mit ihnen bzw. produziere sie, bausche sie auf. Irgendwann, fast durch Zufall, folge ich einen Moment der Aufmerksamkeit: Die Schwankungen fallen ab. Sie relativieren sich. Zum Vorschein kommt die nackte Realität, ohne Überbau.
Physisch hat sich nichts geändert: Der Körper ist derselbe, die Arbeit auf dem Tisch bleibt dieselbe. Das, was die Schwankung bereits ausgelöst hat, ist gerade noch da: Irritation, Freude oder Hoffnung. Es wird aber alles unwichtig und rein „äußerlich“. Eine gewaltige Veränderung kann dann wahrgenommen werden: Das Ich steht nicht mehr im Mittelpunkt. Es wird zum Teil des Ganzen. Um konkreter zu werden: Das Ich sucht nicht mehr irgendwo nach Befriedigung oder Beschäftigung, weil es die Kontrolle verliert – oder, besser gesagt, die Aufmerksamkeit wird nicht mehr zum Ich gerichtet. In diesem Zustand kann keine Reibung mehr wahrgenommen werden, weil sie den Stoff und Futter verliert.
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Gestern beim M. bereitete ich mich vor, ins Bett zu gehen, als er mir sagte, daß er lieber allein schlafen würde. Das erste, was sich einstellte, war Gelassenheit und Vertrauen. Vertrauen in diesem Moment und seinen Vorgängen. Ich ging ohne Zwang oder Widerwille. Kurz danach meldete sich eine Verwirrung. Ich hörte, wie die Ichs sich zu melden anfingen und die Situation zu kaschieren versuchten, um Kontrolle zu übernehmen. Hinter den Stimmen im Kopf war eine Mischung aus Scham, Eitelkeit, Selbstmitleid und Machtanspruch. Ich wußte aber, daß diese Stimmen nicht echt waren, sondern bloße Konditionierungen.
Als ich bei mir ins Bett landete, war ich dankbar für das klare Gefühl, zuhause angekommen zu sein – nicht zuhause in meinem Zimmer oder in meinem Bett, sondern, zuhause in diesem Leben, in diesem Körper, in dieser Welt.