Probenwochenende

2009 Juni 21
by Daniela

Die zwei Tage erlebte ich ein intensives Probenwochenende mit Orchester und Chor. Ich finde immer wieder erstaunlich, was für eine Kraft und eine Liebe, dieser Dirigent in die Proben investiert. Er gibt immer das Beste von sich und ist immer voll da, mit Herzen und Seele. Ich bin dankbar, die Gegenwart von so einer Person erleben zu dürfen. (Selbst wenn ich bei einem Stück müde bin und Einsätze verpasse oder Flüchtigkeitsfehler mache, brauche ich ihm nur einmal in den Augen schauen und die Lust, etwas ‘auf die Beine’ zu stellen, meldet sich sofort. F.s Einsatz ist einfach ansteckend.)

In diesen zwei Tagen merkte ich die Wirkung einer „Ameisen-Arbeit“: Schritt für Schritt wurden die Stelle bearbeitet; 1 Mal, 3 Mal, 5 Mal. Ja, die Details sind genau das, was den Unterschied macht: Wir tauchen in die Details hinein und schauen das an, was noch unsauber, unklar und unsicher ist. Ohne verkrampfter Perfektionismus: Das Gespür, wie tief gebohrt werden kann, ist immer vorhanden, ohne daß das Gesamte auseinandergerießen wird. Langsam entsteht etwas Feineres: Unreinheiten werden eine nach der anderen bereinigt und etwas Pures ensteht.

Insgesamt haben wir gestern und heute vielleicht 7 oder 8 Stunden gespielt. Und was für eine gewaltige Unterschied diese Zeit macht. Alles wird komplexer und das Natürliche kommt zum Vorschein. So entsteht Schönheit. Ich bin dankbar, Teil davon sein zu dürfen.

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Bislang habe ich von „wir“ geredet. Wir, das Orchester. Wir und der Dirigent.

Ich möchte aber über die Empfindungen schreiben, die ich bei den Solo-Stücken hatte. Bei diesen Stücken wird Kammermusik gemacht: Es gibt nur einen Musiker pro Stimme. Mich auf Einsätze von Nachbarn zu verlassen, klappt hier nicht. Leise oder vorsichtig spielen, geht auch nicht. Volle Aufmerksamkeit wird gefragt und es gibt kein Verstecken: Die sichere Häfen müssen verlassen werden, so daß die Möglichkeiten ausprobiert werden können.

Bei einem Stück, wurde praktisch vom Blatt gespielt. Dabei fühlte ich mich ziemlich nackt. Es war ein interessanter Zustand, den ich zum Teil ablehnte, aber auch sehr faszinierend fand. Da ich durch eine Geigenmethode als Kind lernte, bei dem ich etwas spät mit Notenlesen angefangen habe, fühle ich mich im Grunde unsicher, wenn ich vom Blatt spielen muß. Ich merkte heute aber, daß das nur eine Ausrede ist, um nicht in Kontakt mit der „Rohheit“ zu kommen. Vor dieser Rohheit habe ich meistens Angst gehabt – es ist aber genau diese Rohheit, die mich den Fluß des Lebens zu spüren läßt. Die Momenten, bei denen ich mir dieser „Rohheit“ unterstellte, ohne dabei etwas zu bewerten oder zu erwarten, waren genau die, bei denen ich Glück spürte, oder, besser gesagt, Glück war.

Ich habe gerade in Dict Leo nachgeschaut, was Rohheit auf Deutsch heißt. Ich meine nicht das, was da beschrieben ist. Mit „roh“ meine ich etwas Unpoliertes, Ungeprägtes, Ungeschultes. Es geht mir um den Mut, sich die nackte Wahrheit zu stellen, ohne sich von ihr zu trennen.

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Unter diesem Aspekt, ist es aufklärend, meine Unselbständigkeit in rohem Zustand sehen zu können. GLs Hinweise in Forum treffen genau den Punkt.

Wer unselbständig ist, konsumiert. Wer konsumiert, ist unselbständig. Es geht hier um dieselbe Sache: Die Suche nach der Wahrheit an Äußerlichkeiten – was niemals klappen kann.

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