Ich und der Moment
Gestern machte ich einen ruhigen Abend, bevor ich ins Bett ging. Da meine Mitbewohnerin dieses Wochenende wieder weg ist, kann ich das Alleinsein wieder beobachten. Darüber habe ich noch nicht geschrieben. Erst neulich mache ich Erfahrungen damit. Vorher habe ich das oberflächlich betrachtet, als ob es etwas wäre, daß ich konsumieren könnte. Ich habe gedacht, daß Leute, die allein sein können, stärker, unabhängiger und weiter als andere sind. Ich wollte auch stark sein und versuchte den Zustand künstlich zu erzeugen, um mir selber das Bild einer unabhängigen Frau liefern zu können. Das Spiel machte ich mehrmals. Nur dabei hatte ich innerlich immer den Eindruck, mich selbst zu betrügen. (Einer, der sich selber lügt, weißt eigentlich immer, daß er es tut. Das ist eines dieser perfekten Gesetze des Lebens.)
Das letzte Weihnachten war so ein Fall. Es war zwar interessant die Tage allein zu verbringen, das ganze wirkte aber fast wie eine Prüfung, die ich für mich gestellt habe. Etwas stimmte grundsätzlich nicht: Innerlich folgte ich doch ein Bild. Hinter der „Entscheidung“, Weihnachten allein zu verbringen, schwang etwas Krampfhaftes und Kämpferisches mit. Allein das Bedürfnis nach einer Entscheidung spricht für sich. Mich für etwas zu entscheiden heißt gleichzeitig, mich gegen etwas anderes zu entscheiden. Diese Doppelsichtigkeit hat immer nur die 2 Kräfte wovon G. spricht – die 3. Kraft wird hier völlig ausgeblendet, als ob sie nicht existieren würde. Die 2 Kräfte, die gegenseitig polarisierend sind, können lebenlang miteinander kämpfen, da passiert gar nichts, außer Energie- und Zeitverbrennung. Diese Kämpfe (Ja gegen Nein, Positiv gegen Negativ, Schön gegen Häßlich, Gut gegen Böse, Richtig gegen Falsch, Frei gegen Gefangen, Feminin gegen Maskulin, usw.) sind immer noch nicht der Punkt. Der Punkt liegt woanders. Er ist nicht horizontal oder vertikal (X,Y), sondern geht nach Innen (Z).
Während Ostern war ich die meiste Zeit allein. Für das erste mal spürte ich, was das heißt, ohne feste Vorstellungen zu haben. Plötzlich wurde mir klar, daß ich die volle Verantwortung für mein Leben habe. Und nicht nur wenn ich allein bin, sondern immer, durchgehend. Das, was ich esse, liegt an mir. Das, was ich trinke, liegt an mir. In welcher Position ich sitze, liegt an mir. Das, was ich höre, liegt an mir. Das, was ich für wichtig halte, liegt an mir. Das, was ich vorher und was ich nachher mache, liegt an mir. Das, was ich möchte, liegt an mir. Das, was ich liebe, liegt an mir. Hier könnte ich genauso sagen (und es würde ganz genau das gleiche bedeuten): Das, was ich esse, entscheidet der Moment. Das, was ich trinke, entscheidet der Moment. In welcher Position ich sitze, entscheidet der Moment. Das, was ich höre, entscheidet der Moment. Das, was ich für wichtig halte, entscheidet der Moment. Das, was ich vorher und was ich nachher mache, entscheidet der Moment. Das, was ich möchte, entscheidet der Moment. Das, was ich liebe, entscheidet der Moment.
Es geht letztendlich nur darum, diese feine Energie zu folgen, die mir in Verbindung mit der Realität des Momentes setzt. Diese Energie kann nicht künstlich erzeugt werden durch Abkapseln, Kampf oder Anstrengung. Sie kann nicht erzeugt werden, weil sie immer da ist. Auch wenn die Welt verdammt laut ist, ist sie immer vorhanden. Es ist egal, ob ich Karneval auf der Straße mit tausenden betrunkenen Männer tanze: Die Verbindung mit dem Moment ist möglich und kann jederzeit gefolgt werden.
Nur ist es tatsächlich so, daß bestimmte Umgebungen die Realität fordern und andere die mechanische Abläufe abrufen. Obwohl es durchaus möglich ist, in einer Umgebung mit überlasteten Ritualen oder Beziehungen, auf mein eigenes Herz zu hören, ist es auch schwieriger, als z.B in einem fremden Land, wo ich die Ritualen und die Kodexe noch gar nicht kenne.
Während Ostern habe ich öfters Mittagessen im Balkon gehabt. Da die Wohnungen einigermaßen dicht sind, konnte ich die benachbarte Kinder und Eltern im Hintergrund hören. Eine Familie redete in einer fremden Sprache, die ich nicht zuordnen konnte. Es war interessant zu beobachten: Sie redeten meistens gleichzeitig und ab und zu wurde es richtig laut (es erinnerte mich an meine Familie). Man konnte sogar sagen, daß sie miteinander stritten – wenn so viele Leute gleichzeitig reden, können doch keine Dialoge enstehen. Durch die Töne der Stimme war klar: Stress war der König. Das erinnerte mich an meine Familie bei solchen Festen: Ein Netz von Ritualen herrscht, durch das alle sich unbewußt gegenseitig bestätigen und unterdrücken (es ist eigentlich immer dasselbe). Dadurch staut sich eine riesige Energie hinter den Kulissen, die nicht natürlich los kann und deswegen alternative Wege sucht. Irgendwann wird aus einer harmlosen Auseinandersetzung, ein Zirkus gebaut. Die Betroffene werden immer lauter, temperamentaler und emotionaler, bis man für sich selbst geklärt hat, daß der andere doch unmöglich ist und die Auseinandersetzung mit dem, nicht mal wert ist. Dann rücken alle in einer bequemen Position zurück und das ganze fängt wieder von vorne an.
Ich habe eigentlich nichts gegen ein Zirkus. Ich finde es sogar wunderschön, wenn Masken fallen und Echteres rauskommt, auch wenn es nur egobedient ist. Die zweite Schicht zu sehen, auch wenn es noch nicht der Kern ist, ist schon tausendmal besser, als immer diese ewige polierte Fassade zu bekommen. Was ich schade finde, ist wenn das alles passiert und gar keine weitere Türe geöffnet werden, weil ich so hart und ängstlich bin. „Ich zeige meine Wut, aber darüberhinaus nichts mehr!“ Genau das ist schade. Ab dem Punkt könnte es interessant werden. Er wird aber nicht, weil hier stark gebremst wird. Ab dem Punkt, wird es gefährlich.
Jetzt kann ich den Traum mit den Katern besser verstehen. Es hat mit einem Gespräch zu tun, wo ich aus Angst mißverstanden zu werden, nicht meine Meinung klar genug äußerte. Ich sagte zwar, was ich denke, machte es aber mit vielen Konzessionen, um es erträglicher für meine Ansprechspartnerin zu machen. Dabei ging aber etwas Wesentliches verloren. Ich degradierte mich und meine Ansprechspartnerin verhärtete sofort wie ein Stein, auch wenn es ihr vielleicht nicht bewußt war. Der Moment war auf einmal komisch und nichts Echtes kam nachher raus.
Es ist gut jetzt darüber zu schreiben. Die Verantwortung für die Qualität meiner menschlichen Kontakte liegt allein an mir – und an dem Moment. (Wenn die anderen lügen, obwohl es weh tut, kann ich nichts dafür. Wenn ich selber lüge, dann ist es allein meine Veantwortung.)