Das Thema der Selbstablehnung

2009 April 6
by Daniela

Ich sehe ein Video, in dem ich beim Laufen bin. Es schockiert mich. Je länger ich hinschaue, desto peinlicher. Es ist schwierig zu glauben, wie ungeschickt und schief ich mich bewege: Der ganze Körper pendelt stark nach links und nach rechts, als ob ich betrunken wäre. Ich sehe überhaupt keine Spur von einer stabilen Basis. Ganz im Gegenteil, es sieht so aus, als ob ich etwas wie Mitte und Gleichgewicht nie gehabt hätte, so unbeholfen ich die Beine und die Arme benutze. Die unnötige und schwankende Bewegungen wecken Zweifel in mir, ob ich motorische Störungen habe und sie nie wahrgenommen habe. Ich werde traurig und wütend, als ob mich das Leben betrügen würde. Das Video passt nicht mit dem Bild, das ich von mir habe. Es ist schmerzhaft annehmen zu müßen, daß diese verworrene, schlacksige Frau, nicht jemand anders ist, sondern ich.

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Der Traum hat bei mir einen Knopf gedruckt. Es geht um die Konfrontation mit meinen Schwächen und abgelehnten Seiten. Als ich aufwache, denke ich an das Bild vom Video und es eckelt mich an. Ohne Erklärung, muß ich laut weinen: „Ich will nicht so sein, ich will nicht so leben“, wiederhole ich. Der Traum öffnet eine uralte Wünde, die blutet. Eine Revulsio beherrscht meinen Körper und es ist mir übel. Diese Empfindung kenne ich aus der Kindheit: Je mehr ich weine, desto mehr tut meinen Kopf weh, bis ich Lust zum Erbrechen bekomme. Erst nachdem das alles raus ist, kann etwas Neues kommen (was auch immer: Ruhe oder eine neue Welle von Schmerz).

„So will ich nicht sein, ich möchte aus meiner Haut heraus!“ Das sind die Stimmen, die den Schmerz füttern. Auch wenn es gerade so wirkt, als ob ich in diesem Gift ertrinken würde, muß ich hier weiter. Es wirkt fast wie Selbstmord, es ist aber genau der Punkt, von dem ich nicht mehr wegrennen kann. Es war ein Irrtum, diesen Moment unterdrücken zu wollen, mit der opportunistischen Erklärung, daß ich mich mit negativen Gefühlen nicht identifizieren soll. Das ist nur Theorie, die ganz leicht von dem, der es nicht versteht, mißbraucht wird. Die negative Gefühle müßen vor allem erstmal angeschaut werden, sie sind Symptomen. Wenn ich ein Schmerzmittel gegen meinen Symptomen nehme, dann verschwinden vielleicht die Symptomen, aber die Ursache nicht. Noch schlimmer: Die Spuren lösche ich dadurch weg. Die Ursache bleibt unberührt, ich bleibe unbewußt. Hier wird es höchst persönlich. Ich muß es persönlich nehmen! Es geht um mich. Wenn das mir nicht wichtig genug ist, was ist mir wichtig in diesem Leben?! Wenn ich hier die Kraft habe, nicht auszuweichen, habe ich die Chance, etwas zu sehen. Dieser Schmerz jetzt als eine vorübergehende Stimmung zu interpretieren, ist eine falsche Hoffnung, eine Projektion in die Zukunft. Ich weiß gar nicht, ob er vorübergehend ist. Das einzige was ich weiß: Er ist hier und mit dem habe ich zu tun. Was erzählt mir diesen Schmerz? Er erzählt von einer riesigen inneren Ablehnung, die sehr tief sitzt und mir die Luft nimmt. Die begleitet mir in allem, was ich mache, was ich denke, was ich fühle. Beim Laufen, beim Schreiben, bei Sex, beim Entwerfen, beim Sprechen, beim Meditieren, beim Musizieren. Es ist wie ein Körperteil, den ich mich angeschafft habe und als Teil von mir betrachte.

Ich komme nicht daran vorbei, diesen Punkt tiefer anzuschauen. Wenn ich hier wegrenne, unterschreibe ich einen Zombie-Vertrag. Wenn ich hier ausweiche, blockiere ich automatisch den Einfluss der Schule.

Die gewaltige Reaktion auf diesen Traum ist kein Zufall. Das Leben will mir etwas zeigen.

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