1.4 Abendessen
Nach 6 Jahren Tätigkeit in einer Deustchen Hochschule als wissenschaftlicher Mitarbeiter, muß man entweder promoviert haben, um den Arbeitsvertrag verlängern zu dürfen, oder muß man weg. Jetzt hat meine Kollegin die 6 Jahren hinter sich. Gestern abend habe ich, zusammen mit einem Kollege, ein Abschiedsabendessen für sie organisiert.
Die Kochaktion übernahm ich gerne. Früher war ich im Bereich unsicher und traute mich nicht. Da eine gute Freundin von mir die Kunst meisterte und sogar die berühmteste Schule für gastronomische Ausbildung in Paris besuchte, dachte ich (nach Alltagsdenken-Muster), daß das Kochen eine Sachen von ihr und nicht von mir war. In den letzten Jahren ist das weggefallen. Es hat sich so ergeben, daß ich ohne große Mühe, mich auf die Sache konzentrieren kann und dabei ein ungeheuer Spaß habe. Gestern war es nicht anders.
Die Leute kamen langsam an und ich war noch dabei, die drei Töpfe zu dirigieren. Die Gespräche hörte ich als Hintergrundsmusik. Das Kochen interessierte mich am meisten. Ich wollte es gut machen. Dabei ging es mir noch gut.
Das Wohnzimmer haben die Mädels schön gestaltet, mit Kerzen und alles. Der zusammengestellte Tisch war groß und schön bedeckt: viele Teller, Weingläser und gutes Essen. Alle haben angenehm miteinander geredet und lecker gegessen. Ein „perfekter Abend“, könnte man sagen.
Wie fühlte ich mich? Ich fühlte mich in Plastik gewickelt. Wie ein „Wrap“, fühlte ich mich. In diesem Zimmer waren wir alle Menschen, die die Chance hätten, individuell zu sein; stattdessen nahmen wir den ‘Weg des Lauwarmes’, wo alle sich harmonisch abfinden und ausgleichen. 12 Menschen, 12 Wraps. Oder ein lauwarmer Brei: Nur harmlose und „nette“ Gespräche. Keine Sorge meine Herrschaften, es ist alles unter Kontrolle. Gegenseitige Bestätigungen und Höflichkeiten sorgen für Entspannung, Unterhaltung und einen „angenehmen Abend“. Wir müßen nur alle ganz brav mitmachen und dann klappt es. Ein bißchen Pfeffer muß es auch sein: Polarisieren wir die Gespräche ein wenig und schon haben wir den Eindruck, daß jeder seinen eigenen Kopf hat. So ist viel cooler. Letztendlich sind wir alle aufgeklärte und unabhängige Menschen. Der Austausch ist so bereichernd!
Größer könnte die Lüge nicht sein. Wenn ich das jetzt schreibe, dann muß ich sagen, daß ich es verdient habe. Niemand hat mich dazu gezwungen. Das Spiel machte ich freiwillig mit.
Als alle weg waren, war ich erschöpft und erleichtert.
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Ein einziges Gespräch mit einem Mädel, die auch promoviert und dieses Jahr fertig sein will, empfand ich als interessant. Sie erzählte, daß sie ein Arbeits-Tagebuch schreibt, indem sie jeden Tag notiert, wie viele Stunden sie gearbeitet hat, was sie gerade macht und was sie am nächsten Tag vor hat. Das hilft ihr ihren roten Pfad immer wieder zu finden. Ich bekam gespiegelt, daß ich ziemlich strukturlos arbeite, obwohl ich zur Zeit Gas gebe. M. hat mir mehrmals schon gesagt, daß das keine schlechte Idee ist. Ich habe sogar vor einem Jahr eine Woche lang ein Dissertations-Logbuch geschrieben, aber es gleich wieder gelassen. Es lag warscheinlich daran, daß ich innerlich so verloren und ziellos war, daß das Arbeits-TB ein unerträglicher Spiegel von meiner Mangel an Fokus wurde. Ich werde es jetzt aber nochmal ausprobieren.