Ein Stück Freiheit
Gestern, bevor ich den Computer ausgeschaltet habe, las ich zufällig M.s Eintrag. Unangemeldet spürte ich einen Stich in der Brust. Ich wollte dem plötzlichen Druck im Herzen keine große Aufmerksamkeit schenken. Ruhig versuchte ich bis zum Ende zu lesen und schaltete das Computer aus. Meine Arme streckte ich weit aus und ich gähnte lang und laut. Das half nicht, der Druck war doch da. Traurigkeit breitete sich aus und ein paar Tränen flossen. Ich blieb da sitzen und es tat weh. Bilder von der Vergangenheit, wo gegenseitige Anziehung und Vertrauen noch da waren, tauchten auf. Der Vergleich mit jetzt war der nächste Schritt: Ich fühlte mich verlassen und vergessen. Dann erinnerte ich mich an Sachen, die mir mal tiefst verletzt haben. Gleich war ich nicht mehr traurig, sondern zornig. Selbstmitleid nahm die Kontrolle und ich wurde wie einen Zombie, der zwischen wütend und bedrückt schwankte. Dann fragte ich mich ablehnend, fast aggressiv: „Was soll den das jetzt? Hör sofort damit auf!“ Die Stimme verbot mich, weiter traurig zu sein. Die Gedanken, daß es erniedrigend und beschämend ist, Eifersucht zu spüren, waren ganz groß und laut. Diese Stimme, die mich „wieder in Ordnung“ bringen wollte, sagte gnadenlos: „Du sitzt vor dem Computer und es geht Dir gut. Dann brauchst Du nur etwas zu lesen, was Du nicht erwartest und „zack“, schon reagierst Du automatisch wie eine Puppe! Schrecklich! Unglaublich… Wie lange wirst Du noch brauchen, um aus diesem Sumpf herauszukommen?!“
Ich weiß nicht genau wie und warum, aber fast zufällig wurde mir klar, daß die verbietende Stimme genauso automatisch war. Das Muster zeigte sich ganz klar: 1. Schritt – Eifersucht spüren, 2. Schritt – auf locker einschalten, 3. Schritt – scheitern bei der Unterdrückung von Eifersucht, 4. Schritt – Machtlosigkeit spüren, 5. Schritt – traurig werden, 6. Schritt – Eifersucht durch Erinnerungen füttern, 7. Schritt – wütend auf andere werden, 8. Schritt – die Verantwortung nach Außen projizieren, 9. Schritt – wütend auf mich selber werden, 10. Schritt: Selbstverleugnung, 11. Schritt: die köpfige Entscheidung treffen, damit aufzuhören, 12. Schritt: alles wieder von vorne anfangen.
Jetzt, daß ich den Vorgang bei Namen nennen kann, sehe ich, daß das alles viel harmloser ist, als ich mir gedacht habe. Diese ganze Eifersuchtsquälerei fange ich an, uninteressant zu finden. Es ist wie ein schneller Sturm und dann scheint wieder die Sonne. Mir passiert gar nichts dabei. Ich überlebe es jedesmal.
Ich spüre jetzt sogar Dankbarkeit. Diese Emotion ist eigentlich eine Einladung. Eine Einladung um Sachen zu erleben, die nicht unter Kontrolle sind. Das Leben sagt: „Hier kommt wieder einen Sturm! Bist Du bereit?“ Ja, ich darf vertrauen: Der Sturm wird immer wieder kommen. Und es ist auch gut so. Ich schaue im Augen des Zyklons an, ohne zu bremsen. Es tut erstmal hier weh. Dann tut es da weh. Und Plötzlich tut es einfach nicht mehr weh. Es ist wie das Springen ins kalte Wasser: Am Anfang sticht es, aber dann wirkt es erfrischend und belebend. Nachher fühle ich mich wach. Das Wasser ist nicht mehr kalt. Jetzt kann ich sogar die Steine, die Fische und die Pflanzen sehen. Eine riesige Freude bricht manche inneren Wände. Und das Herz wird ein Tick größer.