Zerstreuung und Identifizierung
Jetzt, während ich den Text im Wiki bearbeitete, fällt mir auf, warum ich seid heute morgen ein unbefriedigendes Gefühl habe. Ich schreibe theoretisch über etwas, muß aber ständig von mir verstecken, daß ich bestimmte Sachen hier im Tagebuch noch nicht behandelt habe. Ohne das zu machen, habe ich keinen Kopf frei, um weiter an den Wiki-Text zu arbeiten.
Gestern in der früh hatte ich mit B. ausgemacht, am abend zu ihm zu fahren. Dabei habe ich noch nicht gewußt, daß die Bearbeitung von dem Wiki-Text mehr Zeit in Anspruch nehmen würde, als ich vermutete. Am abend saß ich noch vor dem PC und merkte, daß es keinen Sinn machen würde, die Arbeit schnell fertig zu bekommen, um nach M. zu fahren. Ich rief B. an und vermittelte ihm, daß ich nicht mehr kommen würde.
Das Problem war: Als ich seine Stimme hörte, wollte ich plötzlich doch hin. Ich hatte ihn während diesen 2 Wochen schon vermisst. Und da war die Spaltung wieder: Einerseits gab es die Arbeit und andererseits gab es ein „Stück Kuchen“. Ich verabschiedete mich, ohne Weiteres zu sagen und behielt für mich die Möglichkeit offen, doch noch spontan hinzufahren, nach der Bearbeitung von dem Text.
Ab dem Punkt, konnte ich mich aber gar nicht mehr richtig auf den Text konzentrieren. Es wurde alles irgendwie komplizierter und rätselhafter. Nach zwei Stunden Kampf mit dem Text, war ich etwas enttäuscht, aber immerhin, ich hatte manche Absätze geschrieben und dabei etwas selber verstanden.
Inzwischen hörte ich meine Mitbewohnerin im Zimmer daneben laut weinen. Da sowas noch nie vorgekommen ist, habe ich mir Sorgen gemacht. Ich ging zu ihr und fragte, was los war. Wir redeten und sie beruhigte sich langsam. Dann kehrte ich zurück zum Text. Mein Skype war an und B. war online. Ich fragte ihn, ob er den bisherigen Text korrigieren würde. Er half mir mit der Korrektur und wir verabschiedeten uns, indem ich sagte, ich würde mich freuen, heute zu ihm zu fahren.
Ich befinde mich aber in einer Zwickmühle gerade. Ich kann nicht Abhängigkeit (Identifizierung) von Spontaner Lust unterscheiden. Dabei bin ich ausgerechnet heute bei der Seite 218 von O.s Buch gestoßen, in der G. erklärt: „Es ist besonders schwer, sich aus der Identifizierung zu befreien, weil ein Mensch sich natürlicherweise leichter mit den Dingen identifiziert, die ihn am meisten interessieren, denen er seine Zeit, seine Arbeit und seine Aufmerksamkeit widmet. Um sich aus der Identifizierung zu befreien, muß man unaufhörlich auf der Hut und rücksichtlos mit sich selbst sein, das heißt man muß keine Angst haben, alle die feinen und verborgenen Formen zu sehen, die die Identifizierung annimmt.“
Es tut mir jetzt wirklich weh, darauf zu verzichten, mich in B.s Armen zu winden. Ich habe aber das Gefühl, das es wichtig ist, dieser Lust jetzt nicht blind zu folgen. Dazu fällt mir noch ein, daß meine Zerstreuung sich bestimmt von meinen vielen Identifizierungen ernährt.
Wie war das? Eine Entscheidung muss in 7 Atemzügen getroffen werden. Du hast dich aber garnicht entschieden, sondern die Umstände die du selber beeinflussen kannst entscheiden lassen. Wäre es nicht anders gewesen mit der Zerstreuung wenn du dir gesagt hättest das du beides schaffst, und dann nach getaner Arbeit fährst? Oder jede andere Entscheidung wo du die Verantwortung nicht abgibst. Mich würde die Unsicherheit zerstreuen in solchen momenten, aber ich bin definitv auch so ein kandidat der das entscheidungs Problem häufiger hat.