Ehrlich sein
Heute war ursprünglich der Plan: ich nehme mir eine Stunde Zeit zum Schreiben und fahre mit B. nach M. zu seiner Bruders Party. Als ich mich in WordPress einloggte, stiess ich auf M.s Eintrag „Resonanz„. Ich las ihn langsam und aufmerksam. Die Wirkung, die seine ehrliche Worte auf mich ausübte, war nicht zu verdrängen: Danach konnte ich nicht mehr schreiben. Etwas nagte in meinem Herzen. Eine unangenehme Empfindung, etwas wie ein Widerstand. Alles was ich ab diesem Punkt geschrieben hätte, wäre nur Lüge. Ich loggte mich aus und saß ein paar Minuten im Dunkeln. Eine Art Zwang spürte ich. Ich nahm war, wie etwas in mir in dem falschen Platz war.
Langsam wurde mir klar, worum es ging. Ich hatte keine Lust auf Party. Die Party klang plötzlich wie eine künstliche, forcierte Idee, die mir eine Kraft kosten würde, die ich in dem Moment überhaupt nicht hatte. Ich wollte auf gar keinen Fall diese Kraft zwanghaft von mir erpressen. Ich wußte es: wenn ich heute nach M. zu dieser Party mitfahre, morgen bin ich krank!
Mit einem noch unsicheren Gefühl erzählte ich B., daß ich lieber heim bleiben würde und einen ruhigen Abend hätte. Meine spontane Entscheidung war nicht nur eine Überraschung für ihn, sondern eine große Enttäuschung. Er wurde traurig und schwieg. Eine verkrampfte und melancholische Atmosphäre verteilte sich in der ganzen Wohnung. Ich fragte ihn, was genau los war… es verwirrte mich, daß er so traurig wurde. Ihn so zu sehen machte mich auch traurig.
Da ich in anderen Situationen seine Einladungen abgesagt habe, nahm er es jetzt persönlich. Verletzt sagte er, daß ich gar keine echte Interesse daran hätte, seine Welt besser kennenzulernen. Nein, das stimmt nicht. Ich freue mich jedes Mal, das ich diesen Mensch begegne! Genau die Spontanität und die Ehrlichkeit mit der wir miteinander umgehen, schätze ich so! Wo geht das alles hin, wenn ich einmal mit solchen unsichtbaren Verhaltensregeln anfange?
Es schmeckt natürlich sehr bitter, Menschen zu enttäuschen, die man gern hat. Ohne Puffer, spürte ich heute B.s Schmerz. Es wurde so unangenehm, daß ich beobachten konnte, wie ich kramphaft versuchte, eine „mittlere Lösung“ zu finden. Da schloss ich für Momente wieder die Tür meines Herzens und öffnete die andere Tür: die Tür der Prägung, mit den vielen Lügen, Regeln, Ausreden, Verschönerungen, Moralvorstellungen und Gewohnheiten.
Wie Marco heute geschrieben hat, sobald ich mein eigenes direktes Empfinden opfere, töte ich ganz bewußt etwas in mir. Und genau da ist der Punkt. Wie lange will ich noch diese feine noch sehr zerbrechliche eigene Stimme töten?
Heute gelang es mir, in diesem einen Moment, auf mich zu hören. Es gibt hier keinen Grund, das aufzublasen. Ich möchte nur registrieren, daß Ehrlichkeit in gewisser Maße ansteckend ist. Nachdem ich M.s Eintrag las, konnte ich mir nichts mehr vormachen. Ich bin dankbar für den Antstoß, auch wenn ich weiß, daß es nur einen Anstoß war. Letztendlich kann die nötige Kraft für Ehrlichkeit nur aus mir heraus kommen.