Scham vor der eigenen Ausstrahlung

2009 Januar 29
by Daniela

Gestern dürfte ich bei mir etwas beobachten, worüber ich hier nicht wirklich schreiben wollte. Ich muß es aber, weil ich den Vorgang schon öfters bei mir wahrgenommen habe und nicht genauer hinschauen wollte. Nun ist es jetzt Zeit.

Was passiert, wenn ich meine eigene Kraft spüre? Ich werde schüchtern und bekomme Angst. Gestern während der Probe war es deutlich zu sehen. Wir, eine kleinere Gruppe aus manchen Mitgliedern des Orchesters und Freunden, haben Telemanns polnische Tänze eingeübt und wollen das Stück nächste Woche am Hochschulkonzert aufführen. Da wir keinen Dirigent für das Stück haben und alles praktisch allein vorbereitet haben, heißt es, daß wir unbedingt aufeinander hören müßen. Trotzdem, ist uns klar geworden, daß jemand ein wenig dirigieren muß, sonst klappt das ganze nicht. Da ich erste Geige spiele und in der Musik sicherer als die anderen bin, hat sich so ergeben, daß ich die Gruppe praktisch „leite“ mit Tempobestimmung, Signalisation von Einsätze, etc.

Es ist interessant zu beobachten, wie ich manchmal scheu werde, meine ganze Energie und Liebe daran zu investieren, als ob das falsch oder nicht erlaubt wäre. Es gibt immer einen Punkt, in denen ich ausweiche, verschiebe und mich schäme. Ich bekomme Angst davor, die anderen mit meiner Kraft zu beeindrucken und zu erschrecken. Es geht nicht nur um die anderen. Es geht viel mehr um mich. Es ist mit meiner eigenen Angst, die ich da konfrontiert werde: ich bin die, die Angst bekommt und sich selbst abwertet. Ich bekomme Angst vor meiner eigenen Ausstrahlung, vor meiner eigenen Freude, vor dem freien Ausdruck meiner Lebenskraft. Ich fühle mich für das Können ungeheuer schuldig. Es ist eine leise Schuld, die aber viel mehr Kraft hat, als ich vermutet habe. Sobald ich leidenschaftlich werde und alles gebe, was ich geben kann, sehe ich wie eine Stimme in meinem Kopf meine Freude sofort bremst. Wenn die anderen große Augen machen, schreit diese innere falsche Stimme noch lauter und ich schäme mich. Als ob es eine Sünde wäre, mich auszufalten und glücklich zu sein.

Gestern konnte ich beobachten, wie es mir automatisch peinlich wurde, in die Position hineinzurutschen, in der ich als „besser“, „größer“ und „stärker“ als die anderen gesehen wurde. Genauer ausgedruckt: ich schämte mich mir selber gegenüber und fühlte mich schuldig. Ich glaube, daß ich diese Scham schon seit sehr geraumer Zeit mit mir herumschleppe. Ich werde weiter beobachten.


Bisher keine Kommentare

Eine Antwort schreiben

Note: You can use basic XHTML in your comments. Your email address will never be published.

Diesen Kommentar-Feed via RSS abonnieren.