Die leere Wohnung, die andere Frau, hier und jetzt

2008 Oktober 30
by Daniela

Meine Mitbewohnerin hat letzte Woche kurzfristig gesagt, daß sie schon am (vergangenen) Donnerstag den Umzug machen wollte. Als ich gestern abend aus L. zurückgekommen bin, war die Wohnung leer. Das Wohnzimmer, die Küche und die anderen Zimmer hatten praktisch keine Möbeln mehr. Hier gibt es gerade viel Platz. Ich kann in den Räumen fast Fußball spielen.

Meine Gefühle waren gemischt: erstmal freute ich mich. Tausende Gestaltungsideen für die Räume überfluteten meinen Kopf. Ich fühlte mich frei und ganz auf mich gestellt. Nachher meldete sich das Gefühl von Einsamkeit. Ich schaute nach meinen Sachen, um zu überprüfen, ob J. ausversehen etwas mitgenommen hat – tatsächlich habe ich bestimmte Geigennoten und ein Buch bislang nicht gefunden. Ich packte meine Koffer aus und trank Wasser. Irgendwann konnte ich die Lust, B. anzurufen, nicht mehr verschieben. Ich tat es, erreichte ihn aber nicht. Gleich danach rief ich M. an. Am Telefon freute ich mich, eine familiäre Stimme zu hören. Ich erzählte von der Reise und von meinen Eindrücken. Ich wollte einfach mit jemandem sprechen, egal mit wem. Da ich da nichts zu essen hatte, sagte M., daß ich bei ihm etwas bekommen könnte.

Ich freute mich, ihn wiederzusehen. Sein Gesicht war anders: Viel entspannter als sonst. Es ging ihm gut und mir auch. Die Tür klingelte und plötzlich war eine Frau vor mir. Es war mir klar, welche Frau sie war. Ich war ganz bei mir: ruhig und zufrieden. Es war nicht unangenehm, diese Frau in die Augen anzuschauen. Die Begegnung war spontan. Ich war offen. Sie war offen.

Sie hatte etwas Mütterliches und Vertrautes an sich. Es stellte sich sogar heraus, daß sie Coachin ist und selber promoviert hat. „Ich kenne Deine Schwierigkeiten.“ Bald haben wir angefangen über meine Doktorarbeit zu reden. Sie stellte ganz einfache und direkte Fragen. Ich merkte, durch meine Antworten, daß ich mein Problem bei der Doktorarbeit eigentlich schon lange kenne: was mich stört und schadet, ist einen riesigen Haufen Vorstellungen, die ich schon lange mit mir herumschleppe: Meine Dissertation muß richtig brillant sein, etwas völlig Neues und Originales. Megalomanie. Pure Megalomanie.

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Während der Reise mit den Studenten, habe ich etwas Greifbares gemacht und mehr Bezug zu einer direkteren Planungsherangehensweise gehabt. Das tut gut. Ich denke gerade nicht so viel an die Zukunft und kann mich auf hier und jetzt besser konzentrieren.


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