Die letzte Woche in B.
19. bis 22. September
Heute waren E. und ich lange im Bett gelegen. Einfach schön. Er verpasste seine Vorlesung. Ich bemerkte dadurch, daß ich oft seine Pläne und Vorhaben etwas durcheinander bringe. Er bringt mich manchmal auch durcheinander, auch wenn ich das nicht zugeben möchte.
Die Sonde werde ich jetzt bis Montag wieder benutzen. Es ist nicht angenehm mit der Sonde. Ich muß vorsichtig sein, wenn ich gehe, so daß ich mich nicht verletzte. Ich kann nur in einer bestimmten Position schlafen. Ich muß die Sonde überall mitschleppen. Ich bin deswegen oft drinnen – auch um Kontaminationsrisiken zu vermindern. Ich kann beobachten, daß ich manchmal sehr ungeduldig werde und mich nur beschweren will, das ich die Sonde noch habe. Aber manchmal kann ich das einfach so nehmen, wie es ist, ohne Anstrengung.
Es gefällt mir nicht so, daß ich mehrere Medikamente nehmen muß. Ich tue es aber, um die Schmerzen gar nicht entstehen zu lassen. Ich habe eine große Angst, wieder die Schmerzen von Mittwoch zu erleben. Ich würde sogar Morphin nehmen, um das zu vermeiden.
Heute schlafe ich viel und ich lese zwischendurch.
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Ich war heute kurz mit E. bei meinen Eltern, um Kleider abzuholen. Es ist frisch geworden und ich brauchte was sauberes zum Anziehen. Meine Mutter war etwas unruhig damit, daß ich nur wegen der Kleider gekommen war. Sie fragte, ob E. und ich auch noch für das Mittagessen bleiben würden. Ich sagte ganz natürlich, daß wir lieber fahren würden – wir hatten was anderes vor.
Bei E. fühlte ich mich wohl. Das Wochenende war entspannend. Manchmal ist eine tiefe innere Ruhe entstanden, einfach so.
Ich habe Spaß daran gehabt, die Katze von E. zu beobachten. C. ist eine große Katze, die etwas schüchtern ist. Er ist sehr neugierig, aber gleichzeitig schüchtern. Es war interessant zu sehen, wie C. zu mir blickte. Ich habe ihn manchmal für mehrere Minuten in die Augen geschaut. Langsam wurde er immer vertrauter mit mir. E. war manchmal weg und C. würde genau an solchen Gelegenheiten sich annähern. Es war auch schön in der Wohnung zwischendurch alleine zu sein.
Nach diesem Wochenende konnte ich bemerken, was für einen starken Einfluß, die Umgebung auf mich hat. Ich versuche jetzt nichts zu bewerten. Ich beobachte: wenn ich bei meinen Eltern bin, schalte ich auf gehetzt und defensiv ein. Ich werde manchmal laut und fühle mich angeberisch. Ich bin oft abweisend und argwöhnisch. Das kostet mir viel Kraft und nach einigen Tagen bin ich richtig erschöpft. Ich versuche die Situation zu ändern, aber sie wird dadurch nur verkrampfter.
Bei E. fühlte ich mich zu Hause, besonders nach einem Gespräch, das sich zufällig am Sonntag ergeben hat. Ich sprach wenig und hörte mehr zu. E. sagte, daß er manchmal sich so fühlte, als ob er in den letzten Zeiten Schach mit mir spielen würde. Ich hatte das auch schon bemerkt gehabt, aber nicht genauer beobachtet. Ich fragte, was er genau damit meinte. Er sagte, daß er manchmal drei oder vier Mal vorher überlegen müßte, wie er mir etwas zu sagen bekommen konnte. Er meinte, daß er manchmal Angst hatte, nicht gut genug zu sein. Er meinte, daß er vor 6 Jahren sich verliebt hat, weil er bei mir sich völlig entwaffnet fühlte. Das Gefühl fand er einmalig befreiend. Er fühlte sich dadurch lebendiger, menschlicher und echter. Er meinte, daß er sowas sehr schätzte, weil er sich anderen Frauen nicht so öffnen konnte. Er erzählte von seiner Angst und Eifersucht wegen M. und sagte, daß wegen dieser Angst, er sich nicht mehr wie früher öffnen konnte. Er war unfreier und baute dadurch eine unsichtbare Mauer. Etwas neues passierte während des Gespräches. Und es hatte weniger mit dem Inhalt des Gespräches zu tun und mehr mit der Art und Weise, wie er mich in die Augen schaute. Ich habe auf einmal diesen Mensch mit völlig anderen Augen gesehen. Er hatte keine Absichten oder Vorstellungen. Er war nackt und verletzlich. Er war offen wie ein Kind. Ich habe ihn vorher so noch nie gesehen gehabt. Er war so schön, so wunderschön. Er steckte mich mit seiner Offenheit an. Ich konnte ihn sehr vertraut in die Augen schauen und ich bin sicher, daß ich selten in meinem Leben jemand so nah gesehen habe.
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Heute früh bin ich mit E. zu der Ärztin hingefahren. Die Sonde wurde für das zweite Mal entfernt. Es hat nur wenig und schnell weh getan. Ich fühle mich so frei ohne die Sonde, daß ich nur Lust zum Tanzen hatte. Die Ärztin war froh, mich so froh zu sehen. Wir veabredeten uns jeden Tag zu telefonieren, bis ich den Flug am Donnerstag nehme. Die Antibiotika soll ich bis Donnerstag noch nehmen. Ich kann wieder (fast) alles wie ein normaler Mensch machen.
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23. September
Heute bin ich noch in SP geblieben und habe ganz genau beobachtet, wie es mir geht, wenn ich in die Toillete gehe. Es ist alles gut gegangen. Schmerzen habe ich nicht. Ich werde mich wieder daran gewöhnen, den Muskel zu entspannen.
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24. September
Heute bin ich wieder bei meinen Eltern. Ich bin so froh, daß ich morgen nach D. zurückfliege, daß ich nur gute Laune habe. Ich habe meinen Koffer gepackt und einen Termin bei der Friseurin ausgemacht. Meine Schwester ist auch da und es ist eine großzügige und entspannte atmosphäre im Haus. Ich fühle mich wohl.
Heute abend schlafe ich mit E. in einem Hotel (es wäre zu weit zu ihm zu fahren und wir wollen nicht zu meine Eltern). Ich fragte die Ärztin am Montag, wann ich wieder Sex machen konnte. Ich war erstaunt zu hören, daß ich am nächsten Tag es schon vorsichtig machen durfte. Das war ein Geschenk, weil ich wirklich Lust darauf hatte und habe.
Morgen um 13 Uhr fahre ich mit meinen Eltern und Schwester zum Flughafen.