Puffer

2010 Februar 9
von Daniela

Heute bin ich um 5Uhr aufgewacht und hatte Bauchweh. Gestern Nacht, obwohl ich spürte, daß es fürs Essen schon zu spät war (21Uhr), hatte ich einen unerklärlichen Hunger und aß 2 oder 3 Stücke Salami mit Brot und Käse. Ich esse mittlerweile wieder Salami (nach etwa 3 oder 4 Jahre), obwohl in kleinen Mengen und ein Mal die Woche. Es war offensichtlich keine gute Idee, diese so spät zu essen, wann der Körper nichts mehr mit Verdauung zu tun haben will.

Als ich heute morgen Bauchweh hatte, irritierte mich die Idee, daß es daran liegen könnte. Ich wollte es nicht wirklich anschauen. Die Quälerei dauerte etwa eine Stunde und hörte erst auf, als ich erkannte, daß der “Hunger” gestern eigentlich kein Hunger war, sondern etwas anderes. Obwohl ich bislang nicht verstanden habe, worum es eigentlich ging, weiß ich, daß es ein Puffer war.

Wenn ich jetzt darüber schreibe, fällt es mir auf, daß die zwanghafte Sucht nach Ablenkung sich in diesen plötzlichen Hunger ausartete, der eigentlich gar nicht echt war. Es ist verblüffend, inwiefern der Verstand (ich selbst durch den Verstand) mich manipuliert und ich blind darauf einfalle. Danach kommt die Quittung für die Unachtsamkeit.

Bleib daran

2010 Februar 8
von Daniela

Heute morgen war ich sehr müde. Ich fühlte mich so, als ob ich nur eine Stunde geschlafen hätte und kaum zum tiefen Schlaf gekommen wäre. Das Laufen war beinah unmöglich, doch schaffte ich in die Jogging-Klammoten rein und aus dem Haus. Am Ende der kurzen Runde scheinte der Kreislauf etwas besser zu funktionieren und ich freute mich. Nach dem Frühstücken war ich aber wieder sehr müde. Ich arbeitete etwa eine Stunde und mußte mich wieder hinlegen, da ich keine Kraft hatte.

Nach dem 20-Minuten-Schlaf, war ich ruhig und ausgeglichen. Ich erinnerte mich an einem Traum: Ich fahre mit dem Fahrrad durch Nebel und Dunkelheit. Ich bin bestürzt von der Schönheit der Natur. Obwohl es hier etwas unheimlich ist, freue ich mich, hier zu sein. Etwas in der Situation kann ich nicht wirklich nachvollziehen, es fühlt sich aber trotzdem richtig an.

Ich komme wieder nach Hause und erzähle meiner Mitbewohnerin, daß ich ihr Auto nicht gebraucht habe, sondern mit meinem Fahrrad gefahren bin. Dann sage ich zu ihr, daß das Philosophieren unwichtig ist – wichtig ist, was ich von mir selbst weiß.

- – -

Die Botschaft des Traumes war die Gefühlsebene, die Einsichtsebene. Es ging um etwas Subtiles, Tiefgründigeres. Es ist jetzt eigentlich nicht weiter wichtig, es ist schon Vergangenheit. Nun bleibt etwas zurück: der Hinweis ‘bleib daran’.

Die reflexartige und vorschnelle Annahmen nehmen mir die Möglichkeit, tiefer zu sehen. Der Hinweis ‘bleib daran’ gilt für alle Bereiche meines Lebens, wo ich oft bremse und mich an Unwichtiges/Äußerliches hänge, statt tiefer nach eigener Verantwortung zu bohren.

Selbst-Vergessenheit beim Reden

2010 Februar 8
von Daniela

Heute nach dem Laufen, war ich immer noch müde. Beim Frühstücken saß meine Mitbewohnerin vor mir am Tisch. Ich war in mir selbst gesunken und still – ich wollte gar kein Wort sagen, sondern nur essen, das Geschirr abspülen und mit der Arbeit anfangen. Nun konnte ich es nicht aushalten, als ich nach vorne schaute und registrierte, daß R. mich etwas besorgt anschaute und sich fragte, wieso ich so still bin – ihr Blick war zwar nicht kritisch, aber sie staunte offensichtlich, daß ich so nackt da saß. Der Moment störte mich und ich bekam dann mit, wie mein Mund sich öffnete und ich irgendein Blödsinn, das niemand interessiert sagte, nur um diese unangenehme Situation zu entweichen. Sie kommentierte auch etwas, es war aber für beide klar, daß niemand eigentlich wirklich Lust zum Reden hatte. Nur die Stille bloß nicht spüren, nur die Wahrheit des Momentes mit irgendeinem Puffer stopfen.

Es fällt mir jetzt auf, daß ich öfters diese Unmittelbarkeit des Momentes von mir wegschiebe – ich erschrecke, sobald es so ausschaut, als ob der Verstand die Kontrolle verlieren könnte und kollaboriere blind damit, daß es nicht passiert.

Es schmeckt jetzt nach einer persönlichen Niederlage zu sehen, inwiefern ich die Wahrheit erwürge. Die Lüge fängt bei mir schon ganz früh morgen, am Frühstückstisch.

Silberbesteck poliert

2010 Februar 7
von Daniela

Seitdem ich das Silberbesteck poliert habe, freue ich mich jedes Mal, es zu benutzen. Schon während das Polieren war es angenehm zu sehen, wann es anfangen hat, wieder zu glänzen. Dadurch verstummt sich etwas in mir fast jedes Mal, das ich das Besteck aus der kleinen Kiste vor dem Essen herausnehme und ihr höhe Qualität wahrzunehmen bekomme.

Es ist schon interessant wie es rein äußerlich so ausschaut, als ob ich spießig wäre, jeden Tag mit Silberbesteck zu essen, aber die Wirkung genau das Gegenteil davon ist. Die Bedeutung der Übung wird erst jetzt für mich wirklich spürbar.

Versuche aus dem reflexartigen Automatismus

2010 Februar 7
von Daniela

Während ich heute arbeitete, bekam ich ein paar Mal mit, wann ich dabei war, bestimmte Vorgänge unhinterfragt zu wiederholen (Begriffe im Internet reflexartig suchen, bevor ich selbst darüber nachgedacht habe; das Thema wechseln und die Auseinandersetzung für später aufschieben, weil ich das Tiefergehen gerade ausweichen wollte; mich in Kleinigkeiten verlieren, und die Auge für das Ganze ausblenden, etc.). Es war interessant auszuprobieren, genau diese Vorgänge zu lassen und dadurch das Gegenteil von dem zu machen, was ich gewohnt bin. Am Anfang waren Orientierungslosigkeit und Selbstzweifel da, doch ließen diese nach und nach, und ich war nachher verwundert, daß es doch anders geht.

“Ach ja, ich selbst!”

2010 Februar 7
von Daniela

Worin bestehen bei mir die Manöver meines Verstandes? Zu dieser Frage konnte ich heute etwas bei mir beobachten.

An einem Tag wie heute, bei dem ich so gut wie kein Kontakt mit anderen habe oder Ablenkungen suche, und auf mich zurückgeworfen bin, läßt sich leichter bemerken, wann der Verstand am Werk ist. Ich kollaboriere so gut wie durchgehend mit ihm, bis ich irgendwann schlagartig den Vorgang sehen kann und meiner selbst erinnere. Dieses Kollaborieren entsteht aus purer Selbstvergessenheit: Ich identifiziere mich mit den auftauchenden Bildern, Erinnerungen und Erwartungen, und trinke von dieser ‘Quelle’, bzw. kippe ständig mehr Flüssigkeit darein. Der Labyrinth ist reinste Selbst-Hypnose, auch wenn unbewußt. Wenn ich aber den Tag allein verbringe, wie heute, geschieht es eher, daß es mir plötzlich klar wird, daß ich das tue: ich erinnere mich daran, daß ich existiere in diesem Moment und, daß die ganze Gedankentätigkeit nur Schwindel ist (vermutlich heißt es deswegen ‘Selbst-Erinnerung’, weil es fast wie per Zufall passiert: plötzlich kommt die Erinnerung, ‘Ach ja, ich selbst!’). Dieses “ich selbst” ist wohl anders als das ich, das ich alltäglich benutze, um Sätze zu formulieren. Das “ich selbst” ist offen, still und weit, es klebt an nichts und niemanden, es kapselt sich auch nicht ab – es ist alles gleichzeitig und genau deswegen ist es auch nichts. Dieses Paradox, der ich mit dem Kopf nicht verstehen kann, ist kein Paradox, sondern das Offensichtlichste und Naheliegendste überhaupt.

Zwischen Halbschlaf und Wachzustand

2010 Februar 6
von Daniela

Heute war ich noch müde, als der Wecker klingelte. Ich schlief noch etwa eine Stunde und selbst danach, stand ich nicht gleich auf, sondern blieb liegen. Ich versuchte mich selbst zu spüren. In einem hin und her zwischen Halbschlaf und Halb-Wachzustand, wurde es mir schlagartig klar, daß ich nicht der Körper bin – ich bin auch außerhalb vom Körper. Dieses Gefühl (ich weiß nicht ob das ein Gefühl war, eigentlich nicht, es war neutraler als ein Gefühl, mehr wie ein Registrieren) wurde von Anonymität und Unbeteiligtkeit begleitet. Da war nichts zu finden oder zu sehen, was ich normalerweise als “etwas” kategorisieren würde. Das einzige, was da war, war etwas was diese Leere wahrnehmen konnte.

- – -

B. gibt mir Tipps wie man zeichnet. Er sagt: ’suche Dir Orientierungspunkte aus und übertrage sie auf dein Blatt, ohne zu interpretieren, was du zeichnest. Es geht nur um die Abstände und die Winkel zwischen den Punkten. Und dann macht es keinen Unterschied, was du zeichnest, alles ist gleich leicht oder gleich schwer.’ Das ist es, was ermöglicht, daß ich ein schärferes Verständnis für die Realität bekomme: es gibt dann kein ich, das sich dazwischen schaltet und die gesehenen Sachen interpretiert, sondern, ich sehe ganz direkt. Es ist die Unbeteiligtkeit, die die klare Sicht ermöglicht.

Meine eigene Spinnerei

2010 Februar 5
von Daniela

Ich war gestern und heute in M. und habe an einem Symposium teilgenommen, das mit dem Thema meiner Dissertation zu tun hat. Ich war am Anfang der Woche unsicher, ob ich es mache, da mein Zeitplan eng ist und ich für solche Events eigentlich keine Luft habe. Nun las ich die Kurzfassungen der Vorträgen und Präsentationen ein mal in Ruhe und doch waren Vorträge dabei, die mein Thema eng angrenzten. Diese interessierten mich. Ich nahm mir die Zeit und fuhr nach M. mit dem Zug.

Während den Vorträgen war es neu für mich, daß ich diese “Experten” mittlerweile doch anders betrachte.

Ich hatte bei so gut wie keinem Vortraggeber den Eindruck gehabt (außer bei einer Frau, die einen praxis-orientierten Vortrag mit eigenen Projekten präsentierte), daß er/sie von etwas erzählte, das aus eigener Erfahrung und Kraft verstanden und herausgefunden wurde. Mein Eindruck war eher, daß diese Experten redeten und redeten, aber leider nur von Schatten von Schatten: sie nahmen das, was andere “Experten” über das Thema mal geschrieben haben (das Thema ist eigentlich uralt), flickten diese in bestimmter Weise zusammen, bastelten manche trendische Begriffe dazwischen (da waren mehr als 10 modische Begriffe zu hören, und sie bedeuteten fast alle dasselbe) und damit berichteten sie von der Bühne als “Experten”. Es ging mir manchmal schlecht und ich mußte sogar raus aus dem Zimmer. Trotzdem war ich doch die zwei Tage da und hörte mich fast alles an – ich habe dabei etwas über mich herausfinden können. Es war verblüffend, es nüchtern zu betrachten, wie die Fachmänner doch viel weniger Ahnung haben, als sie vorgeben – früher hätte ich diese Experten blind geglaubt und bewundert; und hätte mich nicht bei der Empfindung getraut, daß wenig Echtes hinter den ganzen Forschungen steht.

Manchmal war schon etwas wie echte Lust da, die Verständnis der Sachen voranzubringen und die Probleme heranzugehen, aber diese Lust wurde immer während den Vortragen von einem Schatten aus Vernebelung und Ungenauigkeit überdeckt. Nach meiner Empfindung überwog so gut wie in allen Präsentationen etwas wie Verwirrung – ja vielleicht sogar eine verschleierte und tiefe Angst vor echter Auseinandersetzung mit der Realität. (Am Ende der zwei Tage sagte einer der Organisatoren, daß er es wichtig findet, wenn die Planner die “Top-Down”-Ansätze endlich auf die Seite lassen würden, und sich mal “den Finger schmutzig machen würden”. Tja, obwohl die Aussage die Sehnsucht nach mehr Realität berührt und ehrlicher ist, als vieles was ich da gehört habe, ist sie auch nicht wirklich ehrlich – sowas wird leider schnell gesagt, so daß man gleich weiter mit der Begriffsmasturbation und der Wichtigtuerei machen kann.)

Aber naja, diese Wissenschaftler interessieren mich aber nicht. Es ist mir egal, was sie machen und wen sie damit beeindrücken. Nur war es wichtig (und auch unangenehm) gespiegelt zu bekommen, in welcher Lage ich stecke. Ich bewege mich in einer oberflächlichen Schichte aus Begrifflichkeiten, ich sitze genauso in einem intellektuellen Kokon drinnen. Ich klinke mich freiwillig in leere wissenschaftliche Gespräche ein und verarsche mich dadurch selbst. Es ist kein Wunder, daß ich nachher müde werde und den Eindruck bekomme, verstopft zu sein. Ja, dieses “Wissen schaffen” was nicht aus direkten Erfahrungen stammt, sondern aus einem kindischen Wunsch nach Anerkennung, das vergiftet den Körper.

Was ich in diesem Symposium beobachten konnte, hat eigentlich mit mir zu tun. Es ist meine eigene Spinnerei, was ich hier zu sehen bekomme.

- – -

Nachtrag: Nach einem Hinweis von GL wurde es mir klar, daß ich nicht in der Lage wäre, die Spinnerei der Klugscheißer zu sehen, falls ich genauso wie sie wäre. Nun sah ich die Tage für das erste Mal, das ich bislang das Spiel genauso wie die andere mitgespielt habe. Ich flog mit den Flügeln anderer – was zu einem Geschmack des Betruges führt.

Aber ich brauche nicht mich jetzt damit definieren. Es reicht es zu sehen und dann kann ich es auch lassen.

- – -

Nachtrag 2: Dieser TB-Eintrag erklärt es in der Tiefe das, was ich hier während den zwei Tagen Symposium gespürt habe.

Zickig und oberflächlich

2010 Februar 3
von Daniela

Gestern konnte ich nicht mehr schreiben. Nachdem ich GLs Antwort im Forum las, obwohl ich innerlich zitterte, versuchte ich noch zu reagieren und das Ganze umzudrehen. Als ich die Ergänzung seiner Antwort las, die ich vorher nicht mitbekommen hatte, traf es mich wie ein Schlag. Ich löschte sofort, was ich gerade formulierte und saß einfach nur da, fassungslos. Ich weinte und weinte. Es fühlte sich wie sterben an. Ich hatte keine Ahnung mehr, was ich bin, was ich denke, was ich weiß, was ich nicht weiß.

Obwohl es sich anfühlte, als ob ich keine Luft mehr bekommen würde, fing irgendwann an, etwas wie Ernüchterung mitzuschweben. Diese Ernüchterung mischte sich ab und zu mit Traurigkeit und einem tiefen Gefühl der Demütigung. Ich schaltete öfters zwischen den zwei Zuständen – dazwischen war aber etwas wie eine eiserne Stille und Klarheit, bei der nichts klebte.

In der Nacht träumte ich: Ich diskutiere mit meinem Vater. Er sag mir, daß ich nichts eigenes bislang in meinem Leben gemacht habe, und alles nur einsammele und zusammenfüge. Ich werde zunehmend wütend mit seinen Aussagen und fange an, mich zu verteidigen. Ich werde bei meinen Argumenten und Formulierungen immer lauter und hilfloser. Er widerlegt meine Argumente eins nach den anderen, an allen Ecken und Kanten, ohne die Stimme mal zu erheben. Das macht mich noch wütender. Ich habe keinen Ausgang mehr und schreie ihn an, völlig unkontrolliert vor mich hin.

Ich wache auf und bin aufgewühlt. Es dauert etwas, bis ich merke, daß es ein Traum war. Der Traum ist aber realer als das, was ich als Realität empfinde: er zeigt in welcher Lage ich stecke und wie ich auf GLs wertvolle Hinweise reagiere – mit Stolz, Sturheit und oberflächlichem Posaunen bis es nicht mehr geht. Ich bin bockig und zickig wie eine Tür (ich weiß nicht mal, wie GL mich erträgt). Ich will nie meinen Mund halten – dadurch sabotiere ich aber den Einfluß der Schule, nur dann, wenn ich schweige, passiert etwas bei mir.

Traum von unterdrückter Energie

2010 Februar 1
von Daniela

Heute träumte ich:

Ich bin in einem Haus und es wird hier schöne Musik gemacht. Das Haus ist irgendeine Hippie-Gemeinschaft. Es ist überall farbig, die Menschen sind für freie Liebe und gegen Krieg. Es wird auch ordentlich gekifft und die Leute tanzen im Raum herum. Es erinnert mich an das Haus, wo meine Schwester früher gewohnt hat. Es geht mir gut. Die Gruppe macht Musik und ich probiere neue Rhythmen und Melodien aus. Es ist warm. Ich laufe bauchfrei herum und bin barfuß.

Es wird spät und ich bereite mich vor, schlafen zu gehen. In der Nacht besucht mich ein Mädchen. Die finde ich zwar attraktiv, habe aber nie daran gedacht, Zärtlichkeiten mit ihr auszutauschen. Es irritiert mich am Anfang, aber das ist genau, was passiert. Ich finde es einerseits schön, kann es aber nicht wirklich geniessen und schwanke in inneren Spaltungen: ich bin unsicher und mache mich Sorgen, was die andere davon halten werden, wenn sie es erfahren. Andererseits weiß ich, daß niemand damit was zu tun hat. Es gelingt mir aber nicht, im Moment zu sein, ohne in diesen Gedanken zu schwimmen.

- – -

Deutung: Es geht hier um Unterdrückung. Sobald ich etwas erlebe, was nicht in mein Konzept hineinpaßt, “PENG”, springt die Sicherung aus und ich blockiere. Inwiefern ich mit Selbstunterdrückung zu tun habe, war mir gar nicht bekannt. Aber fast überall wo ich bei mir hinschaue, sehe ich Unterdrückung. Ich gehe durch die Welt mit einem schweren unsichtbaren Koffer aus Verboten, Einschränkungen und Tabus, und verstecke mich hinter diesem Bild der intellektuellen und aufgeklärten Frau. Als GL mich darauf hinwies, konnte ich es nicht verstehen, woher er diese Idee hatte – ich war sogar innerlich sicher, daß das nicht stimmte und er sich hier täuschte. Nun sehe ich jetzt, daß es tatsächlich so ist: das ist das Bild, das ich von mir pflege, um in Sicherheit zu sein – und das Bild pflege ich schon so lang, daß ich es nicht mehr als Bild unterscheiden konnte – ich dachte das wäre ich selbst!

Das war mir bislang überhaupt nicht klar… und doch ist es etwas ganz Zentrales in meinem Leben, eine zentrale Täuschung.

Diese Verstandeskapsel in der ich mich ständig bewege, ist mein Mechanismus, um Leute nicht wirklich an mich heranzulassen und um meine direkte Empfindungen und Gefühle zu verstecken, vor allem die, die ich als bedrohlich und unkontrollierbar einstufe. Die Geschichte mit B. habe ich bislang zugelassen, weil ich mich in seiner Gegenwart einigermaßen sicher fühle. Ich weiß, daß er mich mag – ich erfahre dadurch Geborgenheit und Akzeptanz bei ihm. Ja, sexuelle Anziehung ist auch da, aber was mich an ihm wirklich bindet, ist diese Sicherheitsbedürfnis. Das zuzugeben ist schmerzhaft, es kommt aber jetzt hoch – und ich habe keine Kraft, es zu unterdrücken. (Es ist miserabel mitzubekommen, daß ich immer noch nicht von meinen Gefühlen herausgehe, sondern von der Sicherheit heraus agiere. Diese Sicherheits- und Bestätigungsbedürfnis muß ja ganz tief in mir verwurzelt sein, es bestimmt unzählige meiner Handlungen.)

Im Gegensatz dazu, repräsentiert M. immer noch das, was ich nicht erreichen kann, was mich unsicher macht. Ich kann ihn kaum offen begegnen – er ist für mich bis heute eine Art Bedrohung. Ich blockiere ständig, um diese Bedrohung nicht im eigenen Leib zu fühlen, und ärgere mich um das Thema, “weil ich es noch nicht gelöst habe”.

Meine Verständnis von Liebe ist komplett durchgedreht. Das zu sehen, auch wenn ich nichts machen kann, außer es jetzt anzuschauen, hilft.