Heute beim Fliegen hatte ich einen Traum:
Ich rede mit meiner Familie über einen berühmten Dirigent. Die Frage dreht sich darum, warum er so besonders sei. Wir fragen uns, was er anders macht, so daß das Orchester so stark zusammenspielt . Meine Mutter sagt, daß keiner Dirigent so brillant wie er ist, daß keiner so gut verdienen würde, usw. Mein Vater und ich reden über Eindrücke die wir hatten, als wir ihn beim Dirigieren erlebt haben. Meine Mutter sagt, daß er der erste Dirigent war, der eine Art Nobelpreis für Klassische Musik bekommen hat und, daß er mit 20 schon große Orchester dirigierte. Es irritiert mich, wie sie ihn immer so anhimmelt. Ich frage sie, warum sie ihn wie ein Gott beschreiben will: „Laß uns doch darüber reden, wie er auf uns wirkt und nicht was die Zeitschriften über ihn sagen“.
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Mögliche Deutung: Es fällt mir jetzt öfters auf, wie ich in Gesprächen Sachen die ich gelesen oder gehört habe, nachgeplappere, anstatt selbstständig auf meine eigene Eindrücke einzugehen. Es ist kein Wunder, daß es mich stört, wenn andere auch so „ticken“: ich bekomme dann gezeigt, was ich selber ständig mache. Die Sucht, mich hinter Allgemeinheiten und einer Scheinwirklichkeit aus Konstrukten und Ideenschablonen zu verstecken, ist der Grundstein für meine Unselbständigkeit. Dazu gehört auch die Neigung, bestimmte Menschen anzuhimmeln: ich mache das, um auf meine eigene Lage nicht zu schauen. Inwiefern sowas armselig und tot ist, fällt mir erst auf, wenn ich es bei anderen wahrnehmen kann. Ich sehe dann wie maschinell es ist und wie wenig es mit echter Freude und Bewunderung zu tun hat.
8.11.2009
Meine Mutter und Schwester sind im Zimmer um mich herum, während ich meine Koffer packe. Die Rede ist von irgendwelchen Sachen ohne Bedeutung. Ich versuche mich darauf zu konzentrieren, was ich gerade mache: auszuwählen, was ich mitnehme und was nicht, und wie ich es am besten packen kann.
Überraschend erinnere ich mich an etwas Vergessenes. Die Name von Maharshi kommt mir in dem Moment nicht in dem Sinn, erst später.
Es wird mir unerklärlich offensichtlich, wie es eine Illusion ist, zu denken meine Schwester wäre eine, meine Mutter eine andere und ich eine andere. Diese Trennung scheint mir auf einmal völlig absurd. Inzwischen sagt meine Mutter, daß sie mich vermissen wird. In dem Moment weiß ich, daß das unmöglich ist: wie kann man etwas vermissen, was man selbst ist?
„Ich bin Du und Du bist ich. Du kannst mich nicht vermissen“, sage ich. Sobald ich das sage, versuche ich selber zu verstehen, was ich sage. Die Einsicht geht verloren. Ich erinnere mich an Maharshi: Ich meine irgendwann dasselbe bei ihm gelesen zu haben. Diese verwirrte Erinnerung ist schon konstruiert und hat eine andere Qualität als der erste Satz.
7.11.2009
Ich habe ein Treffen mit einer Professorin in SP, die in ihrer Doktorarbeit ein relevantes Thema für meine Doktorarbeit herausgearbeitet hat. Während wir reden, fällt mir mehrmals auf, daß Vieles wovon sie redet, ich schon vorher gedacht und berücksichtigt habe. Ich habe aber gar nichts davon wirklich geschrieben oder ernsthaft untersucht – es steht alles in meinem Kopfbrei drinnen. Als ich das wahrnehme, wird es mir beinah schlecht: Ich kann noch tausende tolle Insights haben, sie helfen alle nichts, wenn ich sie nur im Kopf habe. Es bringt gar nichts, viele verschiedene Ideen für die Dissertation zu haben, und davon weniger als 10% wirklich zu überprüfen und durchzuführen. Jede kleine hinauszögerte Idee führt mich dazu, Kraft zu verlieren. Ich fange dann an, hinterherzulaufen und habe nur noch Absichten und Vorhaben im Kopf, die wiederum neue Absichten und Vorhaben füttern. Dabei wird immer schwieriger, die Prioritäten zu erkennen und ich gerate durcheinander.
Die Verstandessucht lebt von dieser Absichtswelt, die ich jedesmal füttere, indem ich etwas hinauszögere und nicht jetzt sofort behandele.
6.11.2009
Gestern, während ich spät Abend schrieb, habe ich erahnt, wie identifiziert ich mit der schlechten Stimmung war. Ich war aber zu faul, um meine Lage anzuschauen – es war leichter, in die schlechte Stimmung hineinzutauchen. Obwohl es mir inzwischen klar ist, daß Stimmungsbeschreibungen in einem Selbsterkenntnis-TB nichts zu suchen haben, schrieb ich gestern völlig in dieser Stimmung gefangen, als ob ich gar keine andere Alternative gehabt hätte. Das war unehrlich von mir. Die Alternative gibt es immer, jederzeit, stets. Ich kann jederzeit meine eigene Lage anschauen – wenn ich anders behaupte, dann ist es nichts anderes als eine üble Lüge.
Gestern, nachdem ich das Computer ausgeschaltet habe, konnte ich nicht von meiner schlechten Laune weglaufen. Ich versuchte sogar, eine Zeit lang durch körperliche Bewegungen die Stimmung zu verändern, es klappte aber nicht. Der Druck war vorallem in den Augen und im Stirnbereich. Fast zufällig wurde es mir klar, daß ich nichts dagegen tun musste. Das Tun verschmlimmerte in dem Fall die Lage. Es blieb dann nichts mehr übrig, als die schlechte Laune zu ertragen – ohne zu kapieren, wo es her stammte. Das Aushalten bewegte was in mir. Ich war nachher nicht gut gelaunt oder Ähnliches, war auch nicht weniger gestresst oder gar zufrieden (alle diese Zustände scheinen mir unpassend).
Ich existierte einfach, mit all dem zusammen, was ich gerade wahrnahm.
Ich muß mich gerade zwingen zu schreiben. Ich bin müde (der Tag war lang und hier ist gerade so warm, daß ich bei den kleinsten Bewegungen schon zum Schwitzen anfange). Ich bin auch enttäuscht: ich komme mit dem Thema Verstandessucht keinen Zentimeter weiter, sondern tue die Verstandessucht nur verstärken, indem ich theoretisiere und Hinweise ignoriere. Ich bin auch in diesem Moment deutlich schlecht gelaunt – und habe Kopfschmerzen. Ich weiß gar nicht was los ist. Ich kann in Moment nicht anders.
Bei Attars heutiger Fabel steht: “ Bemühe dich, Kummer, Leid und Wunden zu ertragen, und beweise dadurch deinen Eifer. Wenn du verwundet wirst, nimm es hin und ergib dich nicht dem Selbstmitleid.„
Als ich das las, erinnerte ich mich daran, wie ich mich fühlte, nachdem ich GLs Hinweis an mich die Tage gelesen habe. Zu hören, daß seitdem ich in B. bin, ich selbstbezogen vor mich hin schreibe und nur auf meine sujektiven Befindlichkeiten oder mich mit anderen beschäftige, wirkte fast wie ein Schock. Ich war erstmal baff, und wollte es nicht glauben. Dann fing ich an, Vorwürfe zu machen und mich falsch verstanden zu fühlen. Und dann kam Selbstmitleidfing: ich fühlte mich wie der letzte Dreck.
Ich weiß nicht mehr wie, aber irgendwann sah ich den Vorgang. Ich sah mich wie ein verwöhntes Mädchen, das sich ungerecht behandelt fühlte. Ich sah, wie unselbständig ich war und wie sehr ich die Verantwortung nach Außen schieben wollte. Ich sah „es“ und wie ich aus mir machte, ein „es“ machte. Es tat weh mitzubekommen, daß alles meine eigene Verantwortung war, und daß kein Weg daran vorbei führte. Nach manchen Momenten Schmerzen hat das Ertragen etwas bewirkt. Ich bekam ein Geheimnis erzählt: es wurde mir klar, wie anstrengend es ist, das Selbstmitleid und diese Verteidigungsstrategie aufrechtzuerhalten.
Ich konnte dann in Ruhe wieder ich selbst sein und es war auf einmal Kraft vorhanden.
Demütigendes anzunehmen wirkt was.
Es ist mir recht peinlich, wie ich in letzter Zeit das Schul-TB mißbrauche, um Nabelschau zu betreiben. Entweder schwimme ich in selbstbezogenen Formulierungen, oder beschäftige mich mit anderen. So drehe ich nur in meinem selbstgebastelten Vorstellungslabyrinth und bewege mich keinen Zentimeter vom Fleck. (Es ist auch für den Leiter und die anderen Teilnehmer der Schule mehr als lästig und ärgerlich). Ich habe es vorher nicht bemerken wollen, daß ich es so mache, jetzt fällt die Maske herunter. Was hilft mir, wenn ich hier über die Unbewußtheit von anderen schreibe? Das ist nichts anderes als eine selbstbetrügerische Ablenkung von meinen eigenen Themen und Schwierigkeiten – jeder merkt es, nur ich nicht.
Heute, während ich in einem Kaffee saß, beobachtete einen Freundeskreis aus der Ferne. Im Tisch saßen 2 Frauen und 4 Männer. Eine der Frauen redete am meisten und, wenn sie nicht redete, war einer der Männer immer daran. Die anderen lachten und benahmen sich eher reagierend. Einer der Männer, der am Ecke des Tisches gesessen war, war nicht wirklich Teil davon. Sein Gesicht übermittelte, daß es ihm tot langweilig war. Er hörte nicht wirklich zu und hatte keinen Spaß, dabei zu sein. Einmal lachten sie alle laut und dieser Mann schaute kurz herum, als ob es ihm peinlich wäre. Er wäre lieber nicht dabei, das war klar zu sehen.
Ich fragte mich, was ihm davon abhielt, aufzustehen und einfach zu gehen. Die bloße Gewohnheit? Weil er sonst „komisch“ wirken würde? Weil er selbst darüber nicht klar war, daß die Situation ihm nicht paßte? Das alles interessiert mich aber nur, wenn ich es als Spiegel sehe. Hier frage ich mich: Wie viele Male gerate ich in dieselbe Situation und „bewege“ mich nicht vom Fleck? Wie viele Male mache ich etwas bloß, weil ich „eh schon dabei bin“ und es so bequemlicher ist? Ich versuche in letzter Zeit genauer zu fühlen, ob ich teil von etwas sein will oder nicht. Es ist oft der Fall, daß mein Kopf eines sagt und mein Gefühl was anderes. Ich schaue mehr darauf, daß ich meine Gefühle nachgehe, anstatt sie mit Konzepten und Denkschemen zu verzerren.
Ein Beispiel davon: Gestern bekam ich einen Besuch von E. Seitdem ich in B. bin, hatte ich ihn nicht gesehen, da ich mit meinen Sachen zu beschäftigt war und die Gelegenheit dafür sich nicht ergab. Vor seiner Ankunft machte ich es für mich klar, daß ich ihn nicht als Frau, sondern als Mensch begegnen würde (als ob es möglich wäre, solche Pläne auszuführen! Als ob solche Einteilungen existieren würden!). Mein Plan war: ich werde ausweichen, falls er meine Nähe sucht, da ich jetzt schon klar genug weiß, daß ich ihm nicht geben kann, was er von mir will. Ich mußte nachher über meine Kalkulationen lachen – es ist doch lächerlich, wie sehr ich mich im Verstand bewege. So mache ich aus mir und aus ihm eine karikatur. Sowas ist nichts anderes als traurig, oder?
Alles ergab sich anders als ich erwartete. Erstmal war der Muster „er-sucht-meine-Nähe-und-ich-weiche -aus“ nicht vorhanden. Weder suchte er meine Nähe, noch weichte ich aus. Die Begegnung war sozusagen musterlos. Zweitens war ich nicht in einem Reaktionsmodus. Ich kann ohne Vorbehalten sagen, daß ich ganz ich selbst war. Die ganze Schuldgefühle, Rücksichtnahmemuster und Nett-Sein-Ansprüche waren weg. Die übliche selbstverliebte Besonderheiten waren auch weg. Die Begegnung war stinknormal. Weder ich behandelte ihn als der Mann, den ich im Januar wieder nach B. weggeschickt habe, weil es mir zu eng wurde, noch er behandelte mich wie die Prinzessin seines Lebens, die er als Mutter seiner Kinder haben will.
In diesem wenigen spektakulären Version der Begegnung war etwas Wertvolles und Feines vorhanden. Es waren die bloße Menschen, ohne Verschönerungen oder Performances.
Ich muß niemals anders sein, als das, was ich bin.
Während ich nach dem Laufen Dehnübungen mache, spricht mich ein Herr an, der sich gerade auch dehnt. Er schimpft mit aller Wut den Brasilianschen Präsident und seine Politiker, dann lamentiert er sich über die Gewalt in SP, dann sagt er, wie schwierig es für ihn ist, jemanden in SP zu vertrauen, usw. Er ist ziemlich resigniert und wütend. Das Gespräch springt spontan von einem Thema zum anderen. Es fällt mir auf, daß alles was er sagt, eine Karikatur von der Realität ist. Es findet keine echte Kommunikation statt, sondern nur einen Haufen Behauptungen aus der Alltagssicht. Hinter den Formulierungen sind verborgene Ängste, Unklarheiten und Wünsche. Es fällt mir auf, daß so ein Gespräch eine reine Verstandesaktivität ist, die keiner zu etwas Echtes hinführt, sondern nur einer zu den üblichen kopfigen Plappermaschine reduziert.
Wir kommen irgendwie dazu, daß ich ihm erzähle, ich wohne nicht mehr in B., sondern in D. Wie ich hier schon mehrmals erlebt habe, sagt er, daß die Deutsche kalt und unzugänglich sind, und daß sie kein Herz haben, um so vielen Juden getötet zu haben. Er fragt mich, ob ich es zustimme. Ich sage, daß ich mit solchen Behauptungen nichts anfangen kann (kalt, warm, nett, blöd, offen, unzugänglich). Ich frage ihn, ob er sagen würde, daß die Leute in SP so oder so sind, oder ob er sagen würde, daß seine Mitarbeiter so oder so sind. Würde er von sich selbst behaupten, er sei so oder so? Er ändert das Thema und redet weiter über etwas anderes. Es ist alles sehr oberflächlich, auch die Gefühle, die aus den Worten herausspringen.
Es fällt mir auf, daß eine echte Begegnung zwischen solchen Stereotypen, groben Vereinfachungen und ermüdenden Klischees gar nicht möglich ist. Es fühlt sich so an, als ob ich mit einer Wand reden würde. Die Wut ist genauso mechanisch wie alle andere Behauptungen und Glaubenssätze. Wo ist der Mensch hinter allen diesen Fassaden? Das zu sehen, macht mich traurig.
M. und ich reden miteinander. Er ist völlig in das Gespräch absorbiert, redet schnell und gestikuliert mehr als üblich. Es ist mir peinlich zu sagen, aber das was er sagt, interessiert mich gerade nicht. Er versucht mich überraschend zu küssen. Es kommt mir künstlich und falsch vor. Ich möchte es nicht. Er ist so sehr damit identifiziert, daß er es nicht wahrnimmt, daß ich keine Lust darauf habe. Ich muß ihn fast mit den Händen gegen mich drücken, um ihn zu zeigen, daß ich es nicht möchte.
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M. steht in Traum für ein Teil von mir, den ich nicht haben möchte. Der Teil ist in mir drinnen und er will meine Aufmerksamkeit. Ich weiß es nicht genau, aber hier ist vielleicht der Kampf mit dem Verstand gemeint, oder, der Kampf mit meiner Falschheit.