Heute hatte ich vor, in die Uni zu fahren, um meine gestrige Tätigkeit fertig zu machen – die Übertragung meiner bisherigen Texten in die neue von mir hergestellte Dokumentvorlage zu beenden. Es ist aber anders gekommen. B. war zum Besuch da und wir verbrachten den Morgen zusammen. Ich freute mich jede Minute, daß er da war.
Am Nachmittag ging ich zum Saturn und schaute mir die Bildschirme, die ich die Woche im Internet untersucht habe. (Ich möchte einen für den Arbeitsplatz hier im Zimmer anschaffen, da der Bildschirm vom Laptop zu klein ist, um Zeichnungen und Kartenbearbeitung zu machen.) Während der Verkäufer im Saturn mit mir redete, fiel mir auf, wie falsch es wäre, nach seiner Beratung einen Bildschirm zu kaufen. Er konnte nicht auf meine Fragen antworten und wenn er es einigermaßen konnte, gefiel mir nicht, wie er redete; er war wie eine Maschine, die einfach nachplapperte, was sie von den Herstellern gehört hat; da war keinen Hauch von eigener Meinung oder eigenem Interesse an der Arbeit zu erkennen. Der Laden hatte auch das Kabel nicht, das ich für die Verbindung mit dem Laptop gebraucht hätte. Das war es dann mit Saturn. Ich ging.
Ich muß selber für mich alleine noch mehr Informationen sammeln, um zu entscheiden, was für einen Bildschirm für meinen Fall interessant ist.
Es ist schon neu für mich zu merken, daß allein durch die wenigen Informationen, die ich vom Internet hatte, die Beratung der Verkäufer oberflächlich und unglaubwürdig auf mich wirkte. (Und ich verstehe gar nichts von Monitoren!) Es war klar: wenn ich faul bin, selber nachzuschauen und zu entscheiden, gehe ich zu diesem Laden und laße mich von einem dieser Verkäufer beraten, die genauso wenig Ahnung wie ich haben. Hier gilt nochmal der Prinzip der Bezahlung: ich richte mich nach anderen, ich verpaße die Chance, das beste für mich zu holen. Das Streben nach Bequemlichkeit führt mich dazu, daß ich nicht das beste Gerät für mich finden werde und noch dafür etwa 30% mehr Geld ausgeben werde.
Wer faul ist, zahlt am Ende mehr. Das gilt für alle Fälle.
Heute war ich früh in der Uni. Als ich ankam, war niemand im Büro. Ich fing gleich an, meine Aufgaben zu organisieren und vor allem Prioritäten zu setzen. Die Zeit ist nicht mehr lang und ich weiß, daß wenn ich jetzt nicht organisiert darauf eingehe, die Dissertation nicht rechtzeitig fertig wird.
Obwohl ich heute wieder Probleme mit dem Software bekommen habe, stand ich nicht hilflos da, wie gewohnt. Ich hatte die Ruhe, eine Lösung für mich zu suchen.
Als es mir klar wurde, daß die Dokument-Vorlage, indem ich arbeite (die ich vom Lehrstuhl bekommen habe), voller Macken ist (es passieren mindestens drei Probleme, die ich und meine Kollegin nicht zu lösen bekommen), kam mir die Einsicht, daß es sich lohnen würde, die ganze Vorlage wieder neu zu entwerfen. Das machte ich dann. Es war viel Arbeit und ich bin immer noch dabei – die ganze Macken sind bei dem neuen Dokument verschwunden, es scheint gut zu klappen.
Als ich vor etwa 6 Monate mit Indesign begonnen habe, übernahm ich die Vorlage der Universität. Ich war zu faul und zu ängstlich, um alles selber zu machen. Jetzt klopft der Prinzip der Bezahlung an meine Tür. Die übernommene Version vom Dokument hat tatsächlich viele Fehler (auch wenn sie von Profis für Corporate Design gemacht wurde, die hauptsächlich damit arbeiten, ich habe tatsächlich mindestens 3 Fehler entdeckt, bei denen ich nicht weiterkam). Was ich damals an Zeit und Mühe sparen wollte, verursachte jetzt (und schon die ganze Zeit) viele Probleme. In anderen Worten: die Unselbständigkeit hat sich nicht gelohnt.
Als meine Kollegin vorgeschlagen hat, daß ich die Vorlage nochmal komplett selber herstelle, lehnte ich die Idee erstmal ab. Doch meldete sich das Gewissen. Wenn ich bei dieser Version der Vorlage bleibe, dann muß ich ständig in einer abhängigen Position sein (wie z.B heute, als ich die Firma, die die Vorlage hergestellt hat, angerufen habe, um zu fragen, wie es mit dem Fehler umzugehen sei).
Die Vorlage wieder von Vorne zu entwerfen hat dagegen einen ganz anderen Geschmack – auch wenn es jetzt ein oder zwei Tage extra Arbeit kostet. Ich bin mit der Lösung in Frieden. Etwas dabei fühlt sich richtig an.
Jemand konfrontiert mich damit, daß ich bislang an der Doktorarbeit absolut unselbständig und unpraktisch arbeite und was mache ich? Ich fange an, Einwände zu erheben und mich zu verteidigen. Es gibt kaum was Dummeres und Bornierteres. Ich bin froh, daß M. es nicht gleich gelassen hat (ich hätte an seiner Stelle nicht halb so viel Geduld gehabt) und weiter nachfragte. Irgendwann fielen die viele Ausreden, Rechtfertigungen, Relativierungen, Erklärungen, Ausflüchte und Verformungen von der Realität zu Boden – und ich stand nackt da.
Es ist schwer, beim Lügen ertappt zu werden. Es fühlt sich am Anfang wie Ersticken an. Doch nur so kann ich mein Haufen Müll vorgezeigt bekommen – wenn ich es selbst allein nicht anschauen schaffe!
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Ja, es ist Tatsache, es gibt hier nichts zu verschönern: ich baue mir täglich eine Falle mit dieser Doktorarbeit (die Geschichte ist inzwischen so alt, daß es mich innerlich brennt, doch noch bei diesem selben Punkt zu sein). Ich arbeite daran einerseits mit Zwang und andererseits mit Leichtsinnigkeit. Entweder übe ich Gewalt gegen mich aus, oder verhalte mich wie eine Teenager. Geht es darum, meine eigene Schwierigkeiten anzunehmen, verfalle ich in Eigensinn und will mit aller Gewalt etwas hinkriegen, was diese Schwierigkeiten neutralisieren könnte; geht es darum, Gas zu geben und „das kalte Wasser“ zu ertragen, erfinde ich die abstrustesten Utopien und Philosophien, um doch auszuweichen. Was ist das bitte für ein Leben? Was für ein Zirkus gestalte ich hier?
Es hilft hier nicht, in Selbstanklage zu verfallen. Das Jammern kenne ich sehr gut und es hat mir noch nie was gebracht – ganz im Gegenteil, da fange ich an, depressiv und traurig zu werden, und die ganze Kraft gleitet mir durch die Finger. Das ist doch nie Selbsterkenntnis.
Im Gegenteil, habe ich im Moment eher Kraft und sehe eine Tür. Ja, es ist demütigend und peinlich anzuschauen, wie ich täglich mich selbst sabotiere und zu sehen, wie viele verschiedene Varianten von Verkomplizierungen (Lügen) ich erzeugt habe, um mich mit dieser Arbeit nur rein äußerlich zu beschäftigen. Ich wollte von mir bislang nichts geben, und das ist der Irrturm, das ist der Betrug. Dieses Verstecken, das sich in allen Bereichen ausdehnt – sowohl im Forum, in der Bearbeitung vom Verstandesthema, als auch im Arbeitsleben, mit der Doktorarbeit -, ist doch genau der Punkt. Das jetzt zu sehen, löst irgendeinen Knoten in mir – auch wenn noch nichts Sichtbares passiert ist und ich hier nur vom Gefühl der Reue ausgehend schreibe.
Heute kämpfte ich den ganzen Tag mit dem Computer und mit meiner Arbeit. Es ist jetzt alles bereit da (Bücher da, Daten da, Interviews da, Fotos da, Karten, Softwares installiert, etc.) und doch wenn es darum geht, hier zu sitzen und acht Stunden an dieser Dissertation zu arbeiten, fühlt es sich wie eine Folter an.
Es gab einen Moment am Nachmittag, in dem ich wirklich Lust bekommen habe, den Computer zu hämmern. Der Software ging nicht mehr, die Shortcuts funktionierten nicht mehr… es ging gar nichts. Alles war wie „verhext“. Ich ging aus dem Zimmer und nahm frische Luft im Balkon – ich hatte so eine Wut in mir, daß ich wirklich alles kaputt hätte machen können. Nach manchen Minuten war eine kurze Lücke bei dieser Wut und Hilflosigkeit. Ich spürte den heißen Kopf und die Herzschläge. Die Körperwahrnehmung in diesem Moment schien alles zu relativieren.
Es war mir dann klar, daß wenn dann Wut weiter aufgebauscht hätte, wäre es gelogen. Dieser Hauch von Bewußtheit war genug, um meine innere Haltung gegenüber das ganze zu verändern. Es passierte so gut wie von alleine – einfach schweigen war genug. Mit der Energie arbeitete ich den Rest des Nachmittags und konnte dabei sogar den roten Faden wieder finden.
Als ich ohne Fahrradlicht in die Uni für die Orchesterprobe fuhr, war ich wieder in Stressmodus und Hektik. Ich war verspätet und fuhr wie eine Verrückte. In zwei Situationen haben Leute geschimpft, weil ich ohne Licht fahren würde. Ich fuhr aber weiter, so schnell ich konnte. Als ich an der Nähe von der Uni war, waren 2 oder 3 Polizeiautos dabei und ein großes Schild „Unfall“. Das war dann genug Zeichen. Meine gehetzte innere Haltung änderte sich sofort. In dem Moment nahm ich die Verantwortung für die Verspätung und fuhr langsamer und aufmerksamer. Ich konnte dann sogar die Nacht und ihr feuchtes Luft genießen.
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Diese blinde Streit, die ich mit der Welt erschaffe, ist komplett selbstvergessen und genau das Gegenteil von Bewußtheit und Klarheit. Es ist was passiert, wenn ich nach äußeren Maßstäben ticke und nicht die Verantwortung für meine Lage mit offenen Armen annehme.
Ich zitiere Maharshi:
Aber was ist Schicksal? Es gibt kein Schicksal. Geben Sie sich hin, dann ist alles gut! Überlassen Sie die ganze Verantwortung Gott! Tragen Sie die Last nicht selbst. Was kann das Schicksal Ihnen dann noch anhaben?
Als Maharshi der Fragestellerin antwortet, daß es kein Schicksal gibt, meint er, daß es nichts Äußerliches gibt, das einer kontrollieren könnte. Das ist eben die Illusion, womit ich mich zum Zombie mache. Wie GL schon oft gesagt hat, das ist eben der faule Glauben, die Selbstverarschung. Es gibt keine Gesellschaftsregel, die verfolgt werden müssen. Es gibt nichts, was von der Gesellschaft kommt, was echt ist. Jeder wird seit der Kindheit in dieser Gehirnwäsche gedrängt, bei der die Gesellschaftsmaßstab als die größte Wahrheit gegeben wird - es gibt aber in der Realität nichts wie eine Gesellschaftsmaßstab! Das vermeintliche „Wissen“, das an mir seit der Kindheit von außen gepresst wurde, ist eben kein echtes Wissen, sondern ein bloßer Abdruck. Es hat nichts mit mir zu tun.
Würden ich nicht mehr diese Außenwelt als Maßstab nehmen, wüßte ich sofort, wer ich bin (durch echtes Wissen). Ich wüßte sofort wie substanzlos diese vermeintliche Realität ist, die mir täglich vorgegaukelt wird.
Zeitungen zu lesen, Fernsehe-Programme zu folgen, fertige mechanische Sätze zu wiederholen, das sind alle Gewohnheiten, die die Alltagssichtweise wie eine dicke Schicht um mich herumbetoniert. Das Mantra wird täglich im Kopf hineingespritzt und macht mein falsched Selbstbild aus.
Maharshi sagt: „Freude kommt zustande, wenn der Geist einwärts gewendet wird, und Leid, wenn man ihn nach außen richtet.“
Ich habe so viele Probleme und leide die ganze Zeit, weil ich eben nur nach Außen und nach „gelernten“ (im Sinne von übernommenen) Mustern lebe. Die Erwachsenen sagten zu mir: „Wie alt bist Du? Wie heißt Du? Welche Farbe magst Du am liebsten? Zeig mir Deine Spielzeuge. Zeig mir Deine Zeichnungen. Zeig mir Deine Hand. usw.“ Und so formte ich die Daniela. Und die Daniela wurde während des Lebens ununterbrochen weiter gebaut. Jetzt heißt es: „Zeig mir dein Auto. Zeig mir Deine Erfolge. Zeig mir Deinen Freund. Zeig mir Deine Leistungen. Zeig mir Deine Position. Zeig mir ob Du Dich gut verkaufen kannst. Zeig mir Dein Lebenslauf ohne Lücken.“
Diese falsche, übernommene, oberflächliche, klischeegeprägte, erlogene, aufgesetzte und unechte Einsichten und Eigenschaften können nie mich dazu bringen, wirklich glücklich zu sein. Ich hetze dann ständig irgendetwas Künstliches hinterher, auf der Suche nach Erfolge. Der Erfolg wird aber nach dieser Strategie natürlich nie kommen, weil die Maßstab nicht authentisch ist und immer aufgesetzt wird.
Um mit dem Verstandeswahn aufzuhören, muß ich mich ganz einfach klarmachen, daß diese äußerliche Welt eben nichts mit mir wirklich zu tun hat.
Der zweiundzwanzigste Vogel fragt den Wiedehopf: “O du, der du die Straße kennst, von der du uns erzählt hast und auf der wir dich begleiten sollen, mir kommt der Weg dunkel vor, und in seiner Düsternis erscheint er mir sehr schwierig und mühselig und viele Parasang lang.„
Angst ist bestimmt einer der häufigsten Strategien des Egos, um Selbsterkenntnis zu sabotieren. Der Angst des Vogels, etwas zu verlieren, was er zu besitzen meint, hindert ihn daran, der Weg zu begehen. Und weil er der Weg nicht wirklich begehen will, entsteht die Spaltung in Form von Angst – und daraus alle mögliche Ausrede, Vertuschungen und Einwände.
Der Wiedehopf antwortet darauf, daß die Vogel, die die innere Reise unternommen haben, wohl nicht mehr zurückkehrten. Damit meint Attar, daß sie die übliche Welt wirklich opfern mussten. Der Weg der Selbsterkenntnis kann nur der begehen, der bereit ist, etwas zu opfern und aufzugeben (Vorstellungen, das falsche Selbstbild, die gelernte Glaubenssätze, die Einbildungen, die Erinnerungen.).
Jeder der aus der Gefängnis will, muß durch diese Angst: Es führt keinen Weg daran vorbei. Aber lieber schwimmt man in Zukunftsträume, anstatt die Angst direkt ins Gesicht zu schauen. Aber hier in allgemeinen Theorien über das Thema zu schreiben, bringt mir nichts. Auf meiner Situation bezogen: an meine Angst zu klammern, nicht gemocht zu werden, bedeutet nicht nur den Körper mit Verspannungen und Panzerungen zu vergiften, sondern das Leben von jemandem anderen zu Leben.
Gestern, als ich mit U. anrief, spürte ich ein bitteres Engegefühl im Hals. Das Gefängnis zeigte sich erst als substanzlos, als ich durch die Enge ging, ohne zurückzuschauen. Diese Enge war genau der Punkt der Kontrollabgabe, bei der Selbstzweck nicht mehr die Regel diktierte.
Erfolgreicher Handwerk Arbeitstag, falsche Rücksichtnahme und Verklemmung wegen Lüge
15. November
Wände gestrichen, Bilder, Holzbretter und Vorhänge im Zimmer mit Hilfe von U. befestigt, kleine Entrümpelungen gemacht, Bücher aufgeräumt: ein erfolgreicher Handwerk Arbeitstag. Die Räume sehen jetzt schöner und ordentlicher aus: die Woche fängt mit einem sauberen Tisch, neuen Computer und schöner Umgebung an.
Nun stimmt etwas in mir drinnen nicht. Ich fühle mich trüb. Ich spüre eine Verklemmung im Brustkorb. Die war gestern schon vorhanden und ist heute schon den ganzen Tag da (sie wird jetzt nur größer und dichter, als ich vor dem TB sitze). Ich habe Angst davor, darüber ehrlich und offen zu schreiben – und genau deswegen gibt es keine Flucht, es führt wirklich keinen Weg daran vorbei… ich muß es anschauen.
Es geht um meine Gefühle gegenüber U. Hier gibt es etwas, was vorne und hinten nicht paßt. Ich muß darüber schreiben, auch wenn es mir furchtbar schwerfällt.
Während ich in B. war, dachte ich öfters an ihm und schwang in einer Art Vorfreude, mich mit ihm zu treffen, sobald wieder in D. Wir behielten Kontakt als ich in SP war – am Ende meiner Aufenthaltszeit, telefonierten wir manchmal zwei mal die Woche. Es war schön, seine Stimme zu hören. Seit ich wieder in D. bin, sind die Sachen doch ganz anders geschehen als ich erwartet habe. Ich wechselte ein paar Emails mit U., es war aber nicht klar, wann wir uns sehen würden.
Am Donnerstag, nach der Orchesterprobe in M., besuchte ich B. spontan. Es fühlte sich vertraut an, ihn nach den vergangenen Monaten wieder zu sehen. Ich hatte gar keine Vorstellungen, wie die Begegnung sein könnte oder Ähnliches. Ich tat einfach, was ich tun wollte, und genauso fühlte es sich richtig an.
Am Freitag telefonierte ich mit U. Da er am Samstag in der früh nach L. für ein 1-Tag-Workshop fliegen würde, machten wir aus, daß er bei mir schlafen würde – so wäre es praktischer für ihn, den Flug zu nehmen und wir würden uns endlich wieder sehen.
Er hatte noch einiges zu erledigen und der Plan war, daß er erst spät auftauchen würde. Da ich schon früher ins Bett wollte, ließ ich den Schlüssel für ihn unter dem Teppich. Als er kam, war ich schon beim Schlafen. Er freute sich, mich zu umarmen und zu küssen. Ich war nicht ganz wach und war deutlich nicht in der gleichen Stimmung als er. Sein Bart war hart und es tat mir weh. Ich sagte ihm das – es scheinte ihm aber nicht zu interessieren, er wollte seine Erwartungen erfüllt bekommen und war in dem Moment nicht wirklich aufmerksam. Ich sagte dann nochmal mit allen Worten, daß ich keine Lust hatte, ihn mit dem Bart zu küssen (ich weiß schon was mit meinen Lippen passiert, wenn ich jemanden mit kurzen Bart küsse. Ich stehe am nächsten Morgen mit Herpes da).
Es war offensichtlich, daß er enttäuscht war und es persönlich genommen hat. Er versuchte mich zwar nicht weiter zu küssen, sprudelte aber eine Art Spannung in der Luft und suchte meine Nähe durch umarmen. Bei mir war eine Mischung von Widerwille und falscher Rücksichtnahme – ich wechselte mehrmals zwischen den beiden Polen ab. Die Lüge wurde dann nur größer (es ist wirklich widerlich, das anzusehen, ich schreibe es auf, weil ich es wirklich verstehen will, woher dieser Art von Lügen kommt. Was ich nicht schreibe, bleibt in mir kleben).
Anstatt U. offen zu sagen, daß er gerade wie ein Kind sich benahm und ich überhaupt kein Bock darauf hatte, nahm ich doch den Weg der falschen Rücksichtnahme. Ich unterdrückte meine eigene Empfindungen und war tolerant seiner Versuchen gegenüber, meine Nähe zu suchen (als ob es falsch wäre, keine Lust darauf zu haben! Wie jemand sich so schlimm verraten kann, ist jetzt wirklich schwierig für mich zu schlucken! Wie kann man so blöd sein?). Was mit einem reinen sachlichen Ereignis anfing, wurde wegen meiner Falschheit zu unterdrückten Wut – und einer daraus unheimlichen folgenden Spannung.
Am nächsten Morgen flog U. nach L. Als er am Abend wiederkam, war diese unerklärliche Verklemmung bei mir da, schon als er mich grüßte. Ich wollte die Verklemmung keine Aufmerksamkeit schenken, sie zu ignorieren klappte aber nicht. Wieder meldete sich die schizophrenische Spaltung: Widerwille und die Lügen aus falscher Rücksichtnahme. Diese Polen wechselten sich den ganzen Tag ab, während U. bei mir war und wir die Wohnungsreparaturen durchführten. Es war so, als ob wir A machen würden, aber doch heimlich die ganze Zeit B. fühlen und denken würden. Die übelste Sache überhaupt! (Es ist mir wirklich ein Rätsel, wieso ich immer noch mit solchen Lügen kapituliere. Ich degradiere mich, freiwillig! Ich möchte doch keine faule Kompromisse in meinen menschlichen Begegnungen eingehen! Zum Teufel mit diesem widerlichen Verschleiern!)
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Ich rief U. an und teilte ihm meine ganze Lügen mit und was mich gerade bewegt. Ich sagte ihm, wie erleichtert ich war, als er weg war, und daß ich immer noch wütend war, weil er mein Platz am Freitag nicht respektieren wollte. Als ich das sagte, wurde es mir klar, daß ich eigentlich mit mir selber wütend war, weil ich in dem Moment nicht zu meinen Empfindungen stand und mich selbst verriet. Ab dem Punkt nahm ich die Verantwortung für meine Lage, und die Spannung verschwand in der Luft.
Das alles erzeuge ich selber. Niemand ist dafür verantwortlich, sondern ich allein bin dafür verantwortlich, wenn ich meine Empfindungen unterdrücke. Das ist in sich nichts Neues, es hilft aber, es nochmal mit Leib und Seele zu spüren.
Jetzt kann ich in Ruhe schlafen. Ich fühle mich wieder sauber.
Heute war ich lange unterwegs und habe Holzbretter, Schrauben, Dübel, etc. gekauft, um einen besseren Arbeitsplatz zu Hause für mich zu organisieren. Ich habe viele Bücher und andere Materialen aus B. mitgebracht, die ich im Rahmen der Doktorarbeit ausarbeiten möchte: dafür brauche ich einen geeigneteren Arbeitsplatz, sonst finde ich gar nichts mehr in meinen Sachen.
Mittlerweile habe ich alle Konfigurationen hinbekommen, die ich für die Benutzung der Softwares für die Dissertation in dem neuen Laptop brauche. Das alles hat viel Zeit und Nerven gekostet, ich wollte manchmal den neuen Computer hammern – es ist jetzt aber alles erledigt und getan – und was für ein ruhiges und schönes Gefühl.
Ich weiß nicht, warum ich mich so sehr davor drücke, meine eigene Sache in der Hand zu nehmen. Nach der Bewältigung der üblichen Bequemlichkeit und der schlechten Gewöhnung, nach Hilfe zu fragen bevor ich selbst ausprobiert habe, geschieht etwas anderes, das erstmal zwar bitter schmeckt, aber nachher sich warm, richtig und echt anfühlt.
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Ich bin dankbar für GLs Erinnerung: Es ist nicht was ich mache, sondern wie ich eine Tätigkeit herangehe, was tatsächlich interessiert. Mache ich es ohne Umwegen und durch direkte Einmischung und Veantwortungsübernahme, oder drücke ich mich davor? Taste ich die Arbeit offen an, auch wenn alles falsch jeder Minute laufen könnte, oder suche ich gleich nach Sicherheit und ärgere mich mit der ersten Schwierigkeit?
Es war mir nie so klar aufgefallen, wie verwöhnt und unrealistisch ich ticke. Das zu sehen ist heilsam. Die Faulheit und die Sicherheitswahn zu überwinden, ist der einzige Weg.
Durch GLs Hinweise an F. hinsichtlich seiner momentanen Arbeitssituation und den ernüchternden Text von Eichelburg über die Aussichtslosigkeit der Akademiker, wollte ich eine Inventur aus meiner momentanen beruflichen Lage machen. Ich schrieb und schrieb und doch kam nichts Neues heraus. Es läßt sich alles in zwei oder drei Sätze zusammenfassen: Ich bin genauso in dieser Akademiker-Falle drinnen, die Eichelburg so unverschönt beschreibt.
So wie jedes Kind mit wohlhabender Eltern in B., habe ich wie eine Schafe nach der Schule ein Studium angefangen. Ich hatte keine Ahnung, ob ich Medizin oder Architektur studieren würde (Musik war auch eine Idee, da ich Geige spielte). Ich wollte aber keine 8 Stunden pro Tag musizieren und landete ziemlich zufällig bei Architektur, nachdem ich eine Reise durch Europa gemacht habe und mit der Europäischen Architektur beeindruckt war. Mehr war nicht. Ich war dann 17 und bekam jeden Tag von der Familie und den Zeitungen nachgeplappert, daß man keine Chancen hätte, selbständig zu werden, ohne ein Studium. Der große Witz kam später: etwa ein Jahr vor meinem Abschluß, war die Wirtschaftslage in B. besonders schwierig. Die Absolventen bekamen entweder kaum eine Arbeitsstelle oder waren nicht in der Lage, etwas eigenes anzufangen. Sie arbeiteten fast alle als Praktikanten für jemanden, der sie für miserables Geld ausnutzte (weil sie auch wiederum von ihren Kunden sich ausnutzen ließen, für wahnsinnig niedrigere Preise arbeiteten und mit verrückten engen Terminen kapitulierten).
Mit 22 hätte ich die Möglichkeit gehabt, „fertige Architektin“ zu sein (was auch immer das bedeuten soll! Nach der Universität wissen die Absolventen noch gar nichts über Architektur.) – es war mir aber klar, daß ich vom Leben und vom Beruf noch recht wenig Ahnung hatte. Was machte ich dann? Ich reiste für ein Jahr als Austauschstudentin nach D. Hier lernte ich während der Zeit auch nicht selbständig zu denken und auf meine eigene Beine zu stehen. Ich lernte zwar eine andere Sprache und nahm andere Lebensperspektiven wahr, kam aber zurück nach B. und war genauso entfremdet wie vorher. Ich wußte genauso wenig, was meine innere Berufung war. Ohne persönliche Ziele, machte ich die Diplomarbeit (bei der ich fast verrückt geworden bin, da ich für das erste Mal etwas wirklich allein auf die Beine stellen mußte), bekam den Abschluß und fing an, bei einer Architektin zu arbeiten. Die Arbeit machte mir Spaß; vor allem lernte ich auf der Baustelle. Es gab aber etwas, was vorne und hinten nicht stimmte. Die Arbeit war doch nicht meine eigene Sache und ich fing langsam an, mich ausgenutzt zu fühlen. Ich arbeitete manchmal 11 oder 12 Stunden pro Tag, hatte keine Zeit um Sport zu machen, blieb täglich stundenlang im Stau stehen und war auch ordentlich schlecht bezahlt. Mit dem Geld, das ich da verdiente, gelang es mir kaum, ohne zusätzliche Hilfe meiner Eltern zu leben. Schon eine ziemliche unbefriedigende Situation.
Ich war also, genauso wie Eichelburg in seinem Text erklärt, eine Sklave des Systemes. Ich funktionierte nur nach äußeren Regeln und vertuschte wie schlimm das war, durch die Komplimente, die ich von der Chefin bekam und weitere derartige emotionale Verstrickungen. Ich blieb in dieser Arbeit zwei Jahre lang, bis es mit meiner Bewerbung für eine Promotion in D. klappte. Ich wollte wieder ins Ausland und die Doktorarbeit war zu der Zeit die nächstliegende Möglichkeit (ich wollte auch zu M., deswegen bin ich auch in D. nochmal gelandet). Dahinter war nichts von der 3. Variante von Studierende, wovon Eichelburg in seinem Text spricht. (Leute die wirklich begabt sind und ein echtes Berufsziel haben, für das man ein Studium braucht. Diese sind derzeit die Minderheit.)
Seit also etwa 2,5 Jahre mache ich diese Doktorarbeit aus reiner Zufall bzw. Flucht vor mir selbst – es ist kein Wunder, daß es mir so schwerfällt, inneren Anschluß dazu zu finden. Dieser Anschluß spüre ich zwar ein paar Mal, er schwächt sich aber jedesmal, das ich anstatt direkt auf meine Ideen einzugehen, mit träumerischen Plänen und Ansichten anfange. Damit ist ganz konkret meine Wahnsinnsvorstellung gemeint.
Hier habe ich noch viel zum Untersuchen.
Ein Kommentar von einem Freund von mir, den ich in SP dieses Mal zufällig auf der Straße gesehen habe, traf mich ganz direkt. Er fragte mich, wann ich aufhören würde, mit dem Studiumsspielerei und wirklich anfangen würde, ernsthaft zu arbeiten und mein Geld zu verdienen. Ich war mit dem Kommentar völlig verwirrt. Jetzt, im Nachhinein, wüßte ich immer noch nicht, was ich zu dem Kommentar antworten würde.
Dieser selbstgeschaffene Dreckloch in dem ich gerade sitze, muss ich wirklich mal anfangen, ohne Ausreden und Einwände anzuschauen.
Ich bin schon wieder beim Hetzen. Es hat gar nicht mit D. oder mit B. zu tun, sondern mit mir. Wenn ich in Mexiko oder in Südostasien wäre, wäre es genau derselbe Mist.
Gestern habe ich mich nicht organisieren können, alles zu schaffen, was ich schaffen wollte. Die Datenübertragung in den neuen Laptop hat viel mehr Zeit in Anspruch genommen, als ich mir vorgestellt habe. Ich hatte auch Probleme mit meinen Emails und mußte in allen möglichen Foren surfen, um eine Lösung zu finden. Dann kam das Orchesterprobe und nachher Musiker-Kennenlernenparty und schon war keine Zeit fürs Schreiben.
Heute ist es ähnlich. Ich war lange in der Uni und fahre jetzt zur Probe nach M. Zeit zum Schreiben gibt es nur gequetscht zwischen den vielen Verabredungen. Das ist natürlich nichts… so ticke ich wie eine Anfängerin, die alles nur halb halb tut und nichts Gescheides auf die Beine bringt. Diese „Unprofessionalität“ ist ein altes Thema von mir…
Die Schule, solange sie als eine „Verabredung“ gesehen wird, wirkt nicht wie eine innere Schule wirken soll. Das Thema z.B. mit der Lebensarbeit, womit F. zur Zeit sich beschäftigt, ist genauso aktuell für mich. Warum habe ich bislang mir die Zeit nicht genommen, um es zu untersuchen? Das Thema ist alles andere als unwichtig!
Jetzt möchte ich aber die Orchesterprobe doch nicht fallen lassen. Etwas mit meinen Prioritäten stimmt nicht. Das ist dann hier alles nur Selbstbetrug. Schon peinlich.